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Arbeiten, wo andere Urlaub machen – mein Praktikum auf Sylt

Arbeiten, wo andere Urlaub machen – mein Praktikum auf Sylt

Pflichtpraktika in den Semesterferien? Klingt grauenhaft, ist aber das, was man daraus macht. Ich bin für meine Famulatur beim Hausarzt vier Wochen nach Sylt gezogen und habe das Notwendige mit dem Angenehmen verbunden.

Ich sitze im Strandkorb auf Sylt, die Sonne über der Nordsee geht gerade unter. Der Sand unter meinen Füßen ist zwar kalt, und der Wind bläst mir ins Gesicht, aber mit einer Decke macht mir das nichts aus. In den letzten vier Wochen hab ich mich daran gewöhnt, innerhalb von fünf Minuten zu Fuß am Strand zu sein. So lässt sich ein Pflichtpraktikum in den Semesterferien aushalten. Am liebsten hätte ich alle vier Monate dieser sogenannten Famulatur, die wir Medizinstudenten machen müssen, im Ausland verbracht. Vielleicht in Frankreich oder Kanada.

Wenn schon Praktikum in den Ferien, dann wenigstens an einem schönen Ort, dachte ich mir. Einen der vier Monate Pflichtpraktikum müssen wir allerdings explizit in einer Hausarztpraxis in Deutschland machen. Gemeinsam mit einer Freundin habe ich dann als Kompromiss deutsche Urlaubsgebiete in die engere Auswahl genommen. Zum Arzt müssen die Leute ja überall, warum also nicht ein Praktikum in einem Wandergebiet im Schwarzwald oder eben in einem Badeort an der Nordsee?

Nach der Arbeit geht’s an den Strand – das wird nie langweilig. Foto: dpa

Dass Freunde meiner Eltern in Westerland eine Ferienwohnung haben, in der wir unterkommen konnten, war dann ausschlaggebend für meine Bewerbung bei der „Praxis am Meer“ in Westerland auf Sylt. Wie die meisten Hausarztpraxen haben wir sehr angenehme Sprechzeiten: Vormittags jeweils von 8 bis 12 Uhr und an drei Tagen der Woche noch von 16 bis 18 Uhr schaue ich dem Arzt über die Schulter. Blutabnehmen und EKG schreiben kann ich schon ganz gut aus unseren Übungen in der Uni. Das darf ich bald auch alleine machen. Ein bisschen aufgeregt bin ich, als ich unter Aufsicht das erste Mal impfen darf, aber auch das wird dann schnell zur Routine.

In den ersten beiden Wochen behandele ich hauptsächlich die Inselbewohner, denn diese Zeit zählt zur Nebensaison: Die Patienten sind sehr nett zu mir und loben die gute Wahl meines Praktikumsortes. Mit meinem betreuenden Hausarzt und seiner Sprechstundenhilfe verstehe ich mich auch sehr gut. Die beiden erklären mir alles, was ich wissen will, lassen mich viel ausprobieren und geben mir nach Feierabend noch gute Tipps für unsere Freizeitgestaltung auf der Insel. In den langen Mittagspausen, abends und am Wochenende haben wir wirklich viel Zeit, um die Insel zu erkunden und uns wie im Urlaub zu fühlen. Abends sitzen wir fast allein mit unserem Feierabendbier am Strand, um wieder und wieder den Sonnenuntergang zu beobachten.

Wann kommt die (Touri-)Flut? In den Ferien wird’s richtig voll auf Sylt. Foto: dpa

Die Innenstadt ist noch schön leer, und man kann ohne Probleme die Einkaufsstraße mit dem Skateboard entlangfahren. Hin und wieder treffe ich beim Einkaufen auch Patienten aus der Hausarztpraxis. Westerland ist wirklich ein kleines Dorf – und ich fühle mich schnell in die Gemeinschaft aufgenommen.

Mit Beginn der Osterferien in Schleswig-Holstein wird es immer voller. In unserer Praxis tauchen mehr und mehr Urlauber auf. Die meisten haben durch das ungewohnte lange Laufen auf weichem Sand Rückenschmerzen bekommen oder sich in der noch eher winterlichen Nordseeluft eine Erkältung zugezogen. Einige Patienten kennt mein Arzt noch von ihrem letzten Ferienaufenthalt. Einer kommt sogar extra zum Gesundheitscheck zu uns. „Im Urlaub hab ich endlich mal Zeit, mich so richtig untersuchen zu lassen“, erklärt er. In der folgenden Woche steht er zwei weitere Male auf der Praxismatte.

Auch auf der Strandpromenade, vor den Schaufenstern und im Supermarkt tummeln sich mehr und mehr Urlaubsgäste. Ich bin beeindruckt von dem veränderten Stadtbild und ertappe mich dabei, wie ich mich selbst schon als Einheimischer betrachte: Von den Touristen fühle ich mich genervt. Bei „unserem“ Crêpe-Stand steht man jetzt ewig in der Schlange, und man kann kaum mehr ein Foto vom malerischen Meer machen, ohne dass Leute darauf zu sehen sind. Dabei bin ich ja eigentlich auch nur zu Gast hier. Doch durch den Kontakt mit einheimischen Patienten und die Gespräche mit Arzt und Sprechstundenhilfe bekomme ich einen Eindruck davon, wie es ist, in einem beliebten Reiseziel zu leben.

Von den Touris genervt: Nach ein paar Wochen auf der Insel, fühlt man sich als Einheimischer. Foto: dpa

Die „richtigen“ Sylter lassen sich von den Gästemassen nicht aus der Ruhe bringen. Trotz des Trubels läuft hier alles eine Spur ruhiger und stressfreier als auf dem Festland. Ich bin da nicht so locker. Mir ist es schnell zu viel, vor allem, wenn sich an den kalten Tagen sowohl Gäste als auch Einheimische in Cafés, Hallenbad und Kino drängen. Der graue Seenebel drückt mir  mit der Zeit aufs Gemüt, und ich fühle mich irgendwie isoliert zwischen Menschen. Ist das der Inselkoller? Um von der Insel zu kommen, müssen wir entweder Autozug oder Fähre nehmen, das ist echt aufwendig. Aber eigentlich muss das in den vier Wochen Aufenthalt hier auch gar nicht sein. An Unterhaltungsmöglichkeiten mangelt es auf der Insel eigentlich nicht, es gibt sogar eine Boulderhalle.

Um meine schlechte Laune loszuwerden, gehe ich aber lieber in die Natur. Bei schlechtem Wetter sind am Strand nämlich die wenigsten Menschen, und die langen Spaziergänge durch Dünen und Heide sind mir nicht ein bisschen langweilig geworden. Die vier Wochen lehrreiches Praktikum kombiniert mit Urlaub am Strand waren eine tolle Erfahrung. Trotzdem würde ich hier nicht für immer leben und arbeiten wollen. Hausärztin zu werden kann ich mir jetzt ganz gut vorstellen, aber wohl eher nicht auf Sylt.

Das liegt auch an der großen Konkurrenz: Bei knapp 14.000 Einwohnern hat Westerland laut einem Bericht der AOK von 2016 die höchste Hausarztdichte pro Kopf in Deutschland: 21 niedergelassene Hausärzte gibt es hier.

Jaqueline Niewolik

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1 Kommentar

  1. Ein sehr eitler Artikel darüber wie man es sich gut gehen lassen kann wenn die Voraussetzungen dafür stimmen.

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