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Aufgeben ist nicht versagen

Aufgeben ist nicht versagen

Mark Zuckerberg und Bill Gates haben ihr Studium abgebrochen. Doch trotzdem haben viele Studenten Angst davor – obwohl sie unzufrieden mit ihrem Fach sind. Vier Betroffene erzählen, warum der Neustart gut war.

Schweißtechniken und Konstruktionswesen brachten Eleonora zum Verzweifeln. Die 23-Jährige wollte eigentlich Physik studieren, hatte sich aber von ihren Eltern überreden lassen, Maschinenbau zu wählen – wegen der besseren Jobchancen. Nach zwei Semestern brach sie das Studium ab und fühlte sich, als hätte sie versagt. Wie sollte sie ihren Eltern erklären, dass sie sie ein Jahr umsonst finanziert hatten? „Ich fühlte mich, als hätte ich ein ganzes Jahr verloren, während meine Freundinnen alle glücklich und erfolgreich mit ihrer Studienwahl waren“, sagt Eleonora.

Dabei ist Eleonora statistisch gesehen nicht allein: Jeder dritte Bachelorstudent bricht laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) das Studium vorzeitig ab. Leistungsprobleme und Finanzierungsschwierigkeiten sind häufig die Ursache.

Viele verlassen sich bei der Studienwahl auf den Rat von Freunden oder Eltern. Eleonora merkte bereits im ersten Semester, dass das Maschinenbaustudium nicht das Richtige für sie war. Die Entscheidung, zu wechseln, wurde von ihrer Familie und ihren Freunden entspannt aufgenommen – damit hatte sie nicht gerechnet. „Nach meinem Studienwechsel stellte sich heraus, dass viele meiner Freunde auch an ihrem Studium zweifelten und gar nicht so zufrieden waren, wie ich angenommen hatte“, sagt sie. Über Zweifel am Studium werde eben nicht gern geredet.

Eleonora studiert nun im siebten Semester Physik und evangelische Theologie auf Lehramt. Aber nicht jeder hat den Mut zu einem Studienwechsel. Noch immer empfinden viele einen Studienabbruch als Scheitern und versuchen, das Problem mit sich selbst auszumachen.

Martin Paulick, Sozialwissenschaftler von der psychologisch-therapeutischen Beratung für Studierende, kennt die Probleme der Studenten. Laut Paulick blockiere viele Studenten der zu hohe Anspruch an sich selbst. „Studenten müssen lernen, sich einzugestehen, dass man nicht jeden Kurs mit 1,0 abschließen kann“, so Paulick. Er erlebe oft Studierende wie Eleonora, die sich mit Anfang 20 schon uralt fühlen und Angst vor einer Neuorientierung haben.

Und auch wenn Eleonora ihre Entscheidung nicht bereut – manchmal hat sie dennoch Angst zu scheitern. „Wahrscheinlich hatte ich durch den Abbruch das Gefühl, versagt zu haben“, sagt sie.
„Ein Abbruch hat viele Ursachen. Motivation und Vorerfahrung spielen eine große Rolle für das Gelingen des Studiums“, sagt Dr. Ulrich Heublein vom DZHW. Und: „Sich neu zu orientieren ist ja eigentlich nichts Schlechtes.“

Leandra Kristin Morich und Tim Wegener

Von der Ingenieurin zur Krankenschwester

Nach dem Abitur wusste Malina eins ganz sicher: Sie wollte studieren. Nach vielen Praktika im Krankenhaus wollte sie auch beruflich im Bereich der Pflege arbeiten und ein Medizinstudium beginnen. Aber ihre Abinote reichte nicht für einen Platz. In der Schule lagen ihr besonders Mathe und Naturwissenschaften. Deshalb begann Malina, Maschinenbau zu studieren –  auch die guten Jobaussichten und das hohe Gehalt lockten sie. Doch während des Studiums wurde sie immer unzufriedener. „Es hat mir einfach keinen Spaß gemacht“, sagt sie.

Hat Baupläne gegen Krankenschwesterkittel getauscht: Malina Langhorst.

Auch die Büroarbeit ihres Werkstudentenjobs gefiel ihr immer weniger. Nach dem Bachelor studierte sie noch kurz den Master, brach ihn aber bald ab. „Mir fehlte die Nähe zu den Menschen. Das ist alles zu theoretisch“, sagt Malina. Im Oktober beginnt sie nun ihre Ausbildung zur Krankenschwester in der Kinderkrankenpflege. Dass sie nun weniger verdient, ist ihr egal. „Die Pflege hat mir schon immer gefallen. Es fühlt sich endlich richtig an.“

Tim Wegener

Leidenschaft statt dickes Gehalt

Einen gut bezahlten Job – das war Nils’ Ziel nach dem Abi. Bauingenieurswesen klang da genau richtig, fand er. „Das war eine Bauchentscheidung“, sagt der 25-Jährige. Schon nach vier Wochen war ihm klar: Nach dem ersten Semester ist Schluss. Im Audimax zwischen 600 Kommilitonen fühlte er sich nicht wahrgenommen. Außerdem fehlten ihm Diskussionen. „Der Prof schrieb vorne die Tafel voll, und wenn man nicht mitkam hieß es nur ,Geh in die Übung’“, sagt Nils. Auch, dass es kaum Wahlmöglichkeiten gab, störte ihn.

Wollte nicht einer von 600 Studenten sein: Nils Görtelmeyer.

Er brach ab, machte ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Grundschule und beschloss schließlich zu studieren, was ihn wirklich interessierte: Politik und Wirtschaft in Hildesheim. „Das fand ich inhaltlich spannend“, sagt Nils. Dass es kein klar definiertes Berufsbild gibt, gefällt ihm. Außerdem sei es nicht so anonym wie im übervollen Bauing-Studium. „Nach der Vorlesung mal im Büro des Professors vorbeizuschauen ist kein Problem“, sagt Nils.

Tim Wegener

Nach sechs Jahren Uni wieder Ersti

Literaturwissenschaften oder Jura? Timur konnte sich nach dem Abi nicht entscheiden. Freunde und Familie rieten zu Letzterem. Und so zog der 30-Jährige nach Hamburg, um an der Bucerius Law School zu studieren. Doch die Zweifel fingen schon im ersten Trimester an. Auf Timurs Interesse an Gerechtigkeitsfragen ging das Jurastudium wenig ein. „Die Inhalte haben von Anfang an nicht so geprickelt, wie ich dachte“, sagt er.

Zog für sein Zweitstudium wieder bei Mama und Papa ein: Timur Dalman.

Sechs Jahre brauchte Timur, um sich für einen Wechsel des Studiengangs zu entscheiden – lange hatte er gehofft, dass das Studium noch interessanter wird. Viele Überlegungen, Onlinetests und gelesene Erfahrungsberichte später fiel seine Wahl auf Mathematik. Weil sein erstes Studium viel Geld gekostet hat, zog er wieder bei seinen Eltern ein. Das kostete Überwindung, doch bereuen tut er es nicht: „Dieses Mal habe ich meine Entscheidung sorgfältiger getroffen und mich nicht von anderen Menschen beeinflussen lassen.“

Sirany Schümann

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ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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