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Das ist die neue Trendsportart Jugger

Das ist die neue Trendsportart Jugger
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Warum verkloppen sich Menschen mit Schaumstoffknüppeln? ZiSH-Autorin Sarah Mussil erforscht den Trendsport Jugger.


Ich blicke über das Feld zu meinen Gegnern. Sie halten Stäbe, Schilder und Ketten, die wie Morgensterne aussehen, selbstsicher in den Händen. Die ganze Szenerie erinnert mich an eine Schlacht aus „Herr der Ringe“ – und macht mir Angst. Mit meinen schwitzigen Händen halte ich meinen Stab fest. „Drei, zwei, eins, Jugger!“, höre ich es rufen – und sprinte los. Was nach einem brutalen Mittelalter-Rollenspiel klingt, nennt sich Jugger. Die Sportart ist eine Mischung aus Rugby und Fechten, bei der zwei Mannschaften mit je fünf Spielern darum kämpfen, den Spielball, genannt Jug, in ein Tor, genannt Mal, zu stecken. Während es früher viel in Parks gespielt wurde, hat es Jugger mittlerweile sogar zum Vereinssport geschafft. Bei Turnieren spielen bis zu 66 Jugger-Mannschaften gegeneinander. So kamen Mitte Juli 200 Spieler in Hannover zusammen, um am größten Jugger-Turnier Deutschlands teilzunehmen. Mit dabei waren auch die „Hannover Living Undeads“ vom SV Odin. Bei ihnen nehme ich heute am Training teil. Ich werde von Manuel Süß begrüßt. Er spielt seit 2009 Jugger und gründete 2014 eine eigene Sparte in dem Rugbyverein. Mittlerweile besteht die Mannschaft aus 20 Mitgliedern.

Stoßen und Streifen

Das Spielfeld, auf dem ich in Sportklamotten und meinen alten Fußballschuhen stehe, ist 20 Meter breit und 40 Meter lang. Manuel drückt mir eine Pompfe, wie die Waffen heißen, in die Hand. Sie ist beinahe größer als ich, aber nicht sonderlich schwer. Eigentlich besteht sie nur aus einem mit Schaumstoffgummi und Panzertape umwickelten Stab. „Wir stellen die Pompfen selbst her und achten darauf, dass alles gut abgepolstert ist“, sagt Manuel. Er zeigt mir, wie ich während des Spiels mit fechtartigen Bewegungen den Gegner berühren kann. Ich versuche, es ihm gleichzutun, fuchtele wild mit dem Stab durch die Luft – und fühle mich so unkoordiniert wie noch nie. Jede Pompfe setzt man anders ein: Mit manchen stößt man die Gegenspieler, mit anderen darf man sie nur streifen. Und dann gibt es noch die Kette: ein Schaumstoffball, der an einer Hartplastikkette hängt und durch die Luft geschleudert wird. Vor ihr habe ich am meisten Angst.

Im Zweikampf: Sarah versucht, einen gegnerischen Spieler mit ihrer Pompfe zu treffen - verbotene Zonen sind dabei Kopf, Hals und Hände.

Im Zweikampf: Sarah versucht, einen gegnerischen Spieler mit ihrer Pompfe zu treffen – verbotene Zonen sind dabei Kopf, Hals und Hände.

Schnelligkeit gewinnt

Denn als ich mich vor meinem ersten Spiel an der Grundlinie neben meine Mitspieler einreihe, habe ich keine Ahnung, ob die Schläge mit den Pompfen wehtun. „Seid ihr bereit?“, brüllt Manuel. „Nein!“, würde ich am liebsten rufen. Doch da geht es schon los: „Drei, zwei, eins, Jugger!“ Während ich langsam Richtung Spielmitte trabe und versuche, nicht über meine Pompfe zu stolpern, sprinten meine Teamkollegen sofort los – und lassen mich verdutzt zurück. So schnell habe ich mir das Spiel nicht vorgestellt. Ziel ist es, den Jug mit den Händen ins Mal, also das Tor, der gegnerischen Mannschaft zu stecken. Die beiden kleinen Kästen stehen jeweils vor den Grundlinien der Teams. Nur der Läufer darf das machen, die anderen vier Spieler versuchen gleichzeitig, ihren Läufer zu schützen und die Gegner sowie deren Läufer in Duellen zu stoppen. Trotz meines Fehlstarts steht plötzlich schon der erste Duell-Gegner vor mir. Ich springe zurück, trotzdem trifft er mich an der Schulter und ich muss mich als Strafe etwa fünf Sekunden auf den Boden knien. Erleichtert stelle ich fest, dass die Schläge nicht mehr als kleine Stupser sind.

Getroffen: Manuel (orange) hat den gegnerischen Läufer mit seiner Kette getroffen. Er muss nun etwa fünf Sekunden knien, bis er weiterspielen darf.

Getroffen: Manuel (orange) hat den gegnerischen Läufer mit seiner Kette getroffen. Er muss nun etwa fünf Sekunden knien, bis er weiterspielen darf.

Geschick statt Gewalt

Jetzt kann ich meine Mitspieler in Ruhe beobachten und merke: Es kommt viel mehr auf Geschick und Geschwindigkeit an als auf rohe Kraft. Obwohl Jugger von außen brutal wirkt, gibt es nach dem Training keine Verletzungen. „Für Leute, die sich prügeln wollen, ist das nicht der richtige Sport“, sagt Manuel. Und auch Fouls oder Schwalben, wie man sie aus dem Fußball kennt, gibt es nicht. Beim Jugger vertraut man dem Gegner blind, aufgebrachte Diskussionen mit dem Schiedsrichter gibt es nicht. Man vertraut auf Ehrlichkeit und Fairness der Spieler – was bei anderen Sportarten unvorstellbar erscheint. Das Gemeinschaftsgefühl der Sportart begeistert auch Lisa. Die 20-jährige Auszubildende hat zuvor Fußball im Verein gespielt. „Auf dem Feld sind wir Gegner, aber nach dem Turnier sitzen wir zusammen und trinken ein Bier. Im Fußball ist viel mehr Wut.“

Jug versenkt: Der gegnerische Läufer hat es geschafft, an Team Orange vorbeizukommen, und steckt den Jug in einen kleinen Kasten, genannt Mal.

Mehr als nur ein Sport

Auch Leistungsdruck und Konkurrenz innerhalb der Mannschaft gibt es nicht. Auf die Turniere, die meist ein ganzes Wochenende dauern, werden alle mitgenommen. „Bei meinem ersten Turnier war ich gerade einmal drei Wochen dabei. Am Ende habe ich mit einer gegnerischen Mannschaft pompfen geübt und mir Tipps geben lassen“, erzählt Lisa. Denn Jugger ist für die meisten mehr als nur ein Sport. Ihnen geht es um Fairness, Vertrauen und Spaß. Oder wie Manuel sagen würde: „Jugger in drei Worten? Bier, Schweiß und Tape!“

Von Sarah Mussil

 

Wer Lust hat, bei den „Hannover Living Undeads“ mitzumachen, kann beim Training vorbeischauen: Donnerstags um 18.30 Uhr oder sonntags um 14.30 Uhr auf dem Gelände des SV Odin, an der Graft 1. Weitere Infos im Internet unter http://hannover-jugger.de/.

 

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

1 Kommentar

  1. Könntet Ihr bitte noch winzigere Fotos einbinden??!? Dann kann ich nämlich mal Großmutters alte Lupe ausprobieren.

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