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Diese 10 Dinge habe ich auf dem Jakobsweg gelernt

Diese 10 Dinge habe ich auf dem Jakobsweg gelernt

Selbstfindung statt Work & Travel in Australien: Das ist der neue Trend.  Auch unsere Autorin hat sich auf den Jakobsweg gemacht, um die Faszination zu verstehen.


Es wird ein Rekordjahr für den Jakobsweg: Um die 280.000 Pilger sind 2017 auf den verschiedenen Jakobswegen zum Wallfahrtsort Santiago de Compostela in Spanien unterwegs. Vor allem bei jungen Menschen ist Pilgern derzeit beliebt. Elena Everding hat den Trend ausprobiert. Sie ist mit ihrer besten Freundin den Küstenweg von Irun nach Santiago gelaufen und erzählt, an welche Grenzen sie in den 5 Wochen gestoßen ist – und was sie aus ihnen gelernt hat.

1. Konsum begrenzen befreit

Laura und ich reisten noch nie mit weniger Gepäck ins Ausland: Drei T-Shirts, zwei lange, eine kurze Hose, drei Paar Wandersocken und zwei Jacken mussten reichen. Dazu noch ein Schlafsack, eine Isomatte, etwas Outdoor-Ausrüstung. Das spartanische Leben als Pilger hatte jedoch auch Vorteile: Wir mussten nicht lang überlegen, was wir morgens anziehen und verschwendeten keine Zeit vorm Spiegel – denn Schminke hatte keinen Platz im Rucksack. Das war sehr befreiend und auch der wichtigste Grund, warum wir gepilgert sind: Raus aus der Komfortzone und die eigenen Grenzen testen.

2. Englisch reicht nicht immer

Mein Spanisch auffrischen? Wozu, dachte ich mir, mit Englisch werde ich mich schon durchschlagen können. Weit gefehlt. „No ingles“ hörten wir öfter als gedacht, weshalb wir unser Schul-Spanisch zusammenkratzten. Meist hat es funktioniert. Als ich es dann sogar schaffte, telefonisch ein Bett auf Spanisch zu reservieren, war ich echt stolz.

3. Freundschaft hält mehr aus, als man denkt

Fünf Wochen 24 Stunden lang mit einer Person zusammen sein ist schon unter normalen Umständen eine Herausforderung für jede Freundschaft. Doch 20 bis 30 Kilometer wandern pro Tag zerrt an den Nerven und lässt einen auf dem Zahnfleisch gehen – weshalb uns von Freunden prophezeit wurde, dass auf dem Weg unsere Freundschaft enden würde. Entgegen aller Erwartungen verstanden wir uns die meiste Zeit super: Mal quatschten wir über tiefschürfende Lebensfragen oder unwichtigen Nonsens, mal liefen wir schweigend nebeneinander. Beides war gut. Ab und zu zickten wir uns aber auch an: Wenn wir uns nicht auf ein Lauftempo einigen konnten oder die andere zu lang duschte. Trotzdem rauften wir uns immer wieder zusammen. Jetzt wissen wir genau, wie die andere tickt – sogar in verzweifelten Momenten.

Am Ziel: Elena und ihre Freundin Laura sind in Santiago de Compostela angekommen.

Am Ziel: Elena und ihre Freundin Laura sind in Santiago de Compostela angekommen.

 

4. Sich über kleine Dinge freuen

Nach mehreren Nächten unter freiem Himmel auf der harten Isomatte freuten wir uns umso mehr über Wasser zum Waschen und das Bett in der nächsten Herberge. Normale Dinge wurden für uns plötzlich zu etwas Besonderem. Auf einmal war ich schon zufrieden, wenn ich nur einen Schlafplatz, ein Bad und etwas Anständiges zu Essen hatte – alles andere wurde unwichtig. Eine Waschmaschine oder WLAN? Was für ein Luxus.

5. Viel planen bringt nichts

Glücksgefühl und bittere Verzweiflung liegen beim Pilgern nah beieinander. Vor allem die überfüllten Pilgerherbergen machten uns zu schaffen. Oft liefen wir morgens los, ohne zu wissen, wo wir nachts schlafen würden. So waren wir nach einer besonders anstrengenden Nacht unter freiem Himmel einmal kurz davor, den Weg abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Ich hatte vorher gelesen, dass jeder mindestens einmal auf dem Weg heulen würde. An diesem Tag flossen bei mir die Tränen. Doch als wir schließlich zwei Betten in der nächsten Herberge reservieren konnten, merkte ich: Manchmal muss ich einfach darauf vertrauen, dass sich die Dinge fügen.

6. Die Grenzen sitzen im Kopf

Niemals hätte ich gedacht, dass Füße so weh tun können. Meine Fußsohlen schmerzten bei jedem Schritt, weder Einlegesohlen noch Voltaren halfen. Oft setzte ich mich einfach an den Wegesrand und wollte nicht weitergehen. Ein einziger Kilometer kann sich unendlich langziehen. Doch mit dem Tagesziel vor Augen – eine Dusche und ein Bett – habe ich es geschafft, die Schmerzen auszublenden und mich bis zur nächsten Herberge zu schleppen.

Über 20 Kilometer pro Tag legten Elena und ihre Freundin zurück.

Über 20 Kilometer pro Tag legten Elena und ihre Freundin zurück.

7. Social Media macht süchtig

Das Handy den ganzen Tag ausgeschaltet im Rucksack lassen und nur abends eine Nachricht an Familie und Freunde senden – so war der Plan. Anfangs hat es funktioniert. Doch bald brauchten wir das Handy ständig, um Betten in Herbergen zu reservieren und anschließend dorthin zu finden. Und weil es angeschaltet war, checkte ich schnell Facebook, machte Fotos für Instagram und schrieb meinen Freunden bei Whatsapp – und war in der digitalen Welt gefangen.

8. Vergleichen macht nicht glücklich

Wir wollten so viel Weg wie möglich zu Fuß gehen. Idealistisch und naiv dachten wir, alle anderen Pilger hätten denselben Anspruch. Doch haufenweise Pilger fuhren mit Bus, Zug oder Taxi von einem Ort zum nächsten. Während wir unsere 10-Kilo-Rucksäcke schleppten, ließen andere Pilger ihr Gepäck von einer Herberge zur anderen transportieren. Das frustrierte besonders, weil diese Leute früher in den Herbergen ankamen und uns die Betten wegschnappten. Zum Ende des Weges übersprungen wir jedoch selbst etwa 100 Kilometer, weil die Zeit knapp wurde. Schuldig fühlten wir uns nicht – schließlich waren wir trotzdem mehr Kilometer gelaufen als die meisten Pilger.

Die Betten in den Herbergen wrden hart umkämpft.

Die Betten in den Herbergen werden hart umkämpft.

9. Begegnungen lassen die Strapazen vergessen

Auf dem Weg trafen wir die unterschiedlichsten Menschen: Pilger, die in Deutschland losgelaufen sind, einen, der 50 Kilometer am Tag marschierte, oder einen Mann, der den Weg barfuß lief. Teilweise trafen wir diese Menschen nach Hunderten Kilometern wieder. Abends in der Herberge erzählte jeder seine Geschichte. Da hatten wir dann auch dieses wohlige, entspannte „Jakobsweg-Gefühl“: mit netten Leuten eine gute Zeit zu verbringen und dabei einfach mal an nichts anderes zu denken.

10. Der Jakobsweg verändert nicht das Leben

Manche Menschen sagen, sie hätten den Sinn des Lebens gefunden. Ich habe nicht das Gefühl, dass der Jakobsweg mein Leben verändert hat. Klar haben wir in Spanien unglaublich schöne Natur und tolle Städte gesehen und das Land wie die Leute intensiv kennengelernt. Ich bin durch das viele Organisieren selbstständiger geworden und habe gemerkt, dass ich gut im Ausland klarkomme. Dadurch bin ich mutiger geworden und traue ich mich deshalb, nun auch für längere Zeit in der Welt herumzureisen. Der Jakobsweg hat mir aber auch gezeigt, dass es durch den Massentourismus immer schwieriger wird, seine Ruhe zu finden.

Von Elena Everding


Das sind die schönsten Pilgerwege Europas

Zahlreiche Pilgerwege laufen sternförmig auf die spanische Stadt Santiago de Compostela zu. Der berühmteste von ihnen ist der „Camino Francés“ und wird umgangssprachlich als „Jakobsweg“ bezeichnet. Er führt durch das Landesinnere Nordspaniens.

Wen 30 Grad auf spanischen Wanderwegen abschrecken, findet im St. Olavsweg eine nordische Alternative. Der Weg zieht sich von Oslo durch die raue Natur Schwedens und Norwegens bis nach Trondheim und wird auch Gudbrandsdalweg genannt. Wer sich auf die 643 Kilometer lange Wanderung macht, kommt unter anderem am größten See Norwegens, dem Mjøsa, vorbei und durchwandert das Gudbrandsdalen, Norwegens längstes Tal.

Etwas kürzer ist der Franziskusweg von Florenz nach Rom. Statt Asphaltstraßen hat man auf der 500 Kilometer langen Strecke in Italien vorwiegend Landstraßen und Wanderwege unter den Füßen. Diese führen durch einsame Dörfer wie Greccio und große Städte wie Rieti, Rom oder Florenz. Rund vier Wochen brauchen Pilger für die Strecke. Wer weniger Zeit hat, kann in 13 Tagen von Florenz nach Rom radeln.  Von Swantje Schurig

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ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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