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Diese sieben Dinge habe ich in Schweden gelernt

Diese sieben Dinge habe ich in Schweden gelernt

„Fika“-Kaffeepausen und Sperrstunde um 3 Uhr: ZiSH-Autorin Johanna erzählt, was sie bei einem Praktikum über das Leben in Stockholm gelernt hat.

Aussehen ist zweitrangig

Haare? Verschwinden unter der Mütze. Make-up? Landet beim Naseputzen im Taschentuch. Outfit? Versteckt sich unter Winterjacke und Drei-mal-drei-Meter-Schal. Ich merke schnell: Temperaturen zwischen minus zwei und minus zwölf Grad eignen sich nicht für ausgefallene Outfits und Frisuren.

Allein sein können

Ob mit Freunden in der Bar, auf Konzerten oder mit den Mitbewohnern in der WG-Küche – in Hannover verbringe ich kaum einen Abend allein. In Stockholm angekommen kenne ich erst mal niemanden. Noch dazu sind die Schweden im Winter ziemlich unternehmungsfaul, verkriechen sich gern gemütlich zu Hause. Unter der Woche gehen sie allerhöchstens auf ein paar Bier am „Lilla Lördag“ aus, dem kleinen Sonnabend, wie der Mittwoch genannt wird. Ich habe also viel Zeit für mich. Wie toll das sein kann, überrascht mich: Ich erkunde die Stadt auf eigene Faust, besuche Museen, lese ein Buch im Café und gehe zum ersten Mal allein ins Kino.

Heimatgefühle: Vor dem Museum für moderne Kunst in Stockholm stehen Nanas von Niki de Saint Phalle. Foto: Stein

Nach der Sperrstunde ist „Efterfest“

Feierngehen ist in Schweden allerdings auch aus anderen Gründen schwierig: Wie alles in Skandinavien ist Alkohol teuer, ein Bier kostet in einer Bar im Schnitt 6 bis 8 Euro. Vortrinken ist also Pflicht. Das muss geplant sein, denn Starkbier, Wein und Härteres gibt es nur in staatlichen Geschäften namens „Systembolaget“. Geöffnet haben die aber lediglich freitags bis 18 oder 19 Uhr, sonnabends bis 15 Uhr. Nicht die einzigen gewöhnungsbedürftigen Öffnungszeiten: Die meisten Bars machen schon um 1 Uhr dicht, Clubs schließen oft schon um 3 Uhr – dank Sperrstunde. Kleiner Trost: Irgendjemand lädt immer zum Absacker („Efterfest“) ins eigene Wohnzimmer ein.

Bargeld wird überbewertet

Gerade einmal 200 Kronen (knapp 20 Euro) hebe ich ab, als ich in Stockholm ankomme – mehr muss ich in den drei Monaten nicht abheben. Denn die Schweden zahlen überall mit Kreditkarte, selbst auf Flohmärkten halten viele Standbesitzer ein Lesegerät bereit. Schuldet man einem Freund Geld, wird „ge-swisht“: Bei der App „Swish“ reicht für eine Überweisung schon die Telefonnummer. Sogar Obdachlose lassen sich so Geld geben. Nicht nachdenken zu müssen, ob ich genug Geld dabeihabe – das werde ich in Deutschland sicher vermissen. Allerdings verliere ich so auch schnell den Überblick über meine Ausgaben.

Ein Hoch auf die „Fika“

Als Journalistin stehe ich koffeinhaltigen Heißgetränken ohnehin positiv gegenüber, doch in Schweden kommt wohl niemand um Kaffeekonsum herum. Zu sehr zelebrieren die Skandinavier ihre Kaffeepause, die „Fika“. Auf der Arbeit, mit Freunden im Café oder der Familie zu Hause: Ständig treffen sich die Schweden und klönen gemütlich bei Kaffee, Zimtschnecken („Kanelbullar“) und anderen klebrigen Leckereien. Auch in den stressigsten Phasen gibt es im Büro mehrere ausgedehnte „Fikas“ pro Woche. Eine Tradition, die sich gerne auch in Deutschland durchsetzen darf.

Süße „Fikas“: Vor der Fastenzeit gibt es das Sahne-Marzipan-Gebäck „Semla“ zur Kaffeepause. Foto: Stein

Es gibt eine Warteliste für Wohnungen

Hannover hat einen überfüllten und überteuerten Wohnungsmarkt? Da lacht der Schwede. Jahrelang stehen die Stockholmer auf Wartelisten, um eine Wohnung aus erster Hand mieten zu können. Die meisten kaufen sich ein kleines Apartment, sobald sie es sich leisten können – oder wohnen nicht ganz legal zur Untermiete. WGs sind die absolute Ausnahme. Über Airbnb finde ich ein Gästezimmer, das nur gut doppelt so teuer ist wie mein etwa gleich großes Zimmer in der Calenberger Neustadt. Ich habe Glück, andere erzählen mir Horrorgeschichten von 14 Umzügen in knapp zwei Jahren und einem Künstler, der in seinem Atelier wohnt, weil er keine Wohnung findet.

Augen auf beim Einkauf

Schwedische Supermärkte unterscheiden sich kaum von deutschen, mal von den Preisen abgesehen. Ein paar kleine Fallen gibt es aber dennoch, und ich tappe dank fehlender Sprachkenntnisse in einige: Ich kippe dickflüssige Sauermilch in den Kaffee, backe einen Schokokuchen mit gesalzener Butter und belege ein süßes, nach Aprikose schmeckendes Brötchen mit Schinken, weil es wie ein Vollkornbrötchen aussieht. Letztlich alles nicht schlimm: Die Sauermilch schmeckt mit Müsli, viel Zucker rettet den Kuchen. Nur das Brot und Brötchen sind mir einfach zu süß. Da haben auch drei Monate im schwedischen Ausland nicht geholfen: Was Brot angeht, bleibe ich eben typisch deutsch.

Johanna Stein

Über den Autor

Johanna Stein

Johanna (21) hat Journalistik in Hannover studiert. Viel lieber als öde Hausarbeiten schreibt sie das, was nah an den Menschen dran ist - Porträts, Reportagen, Glossen oder auch Berichte über die Straßenausbaubeitragssatzung. Keine Sorge, davon bleibt ihr hier aber verschont.

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