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Diese Platten haben unser Leben verändert

Diese Platten haben unser Leben verändert

Am 21. April ist Record Store Day. Zum Tag der unabhängigen Plattenläden erzählen unsere Autoren von Musikalben und Songs, die ihr Leben bereichert haben.


Punk für die Seele

Mit 15 war ich oft traurig. Ich steckte in einer komplizierten Beziehung mit einem Typen, der nicht so richtig wusste, was er wollte. Mal war alles gut, aber oft gab es Drama und Tränen. Ich wusste lange nicht wohin mit meinem Gefühlschaos. Da hörte ich bei einer Garagenparty 2007 zum ersten Mal Billy Talent. Ein Jahr zuvor hatte die Band ihr zweites Album „Bil ly Ta lent II“ veröffentlicht und der Song „Red Flag“ lief bei Partys in Dauerschleife.Von den zornigen Shouts und melodischen Gitarrenriffs fühlte ich mich sofort verstanden.

„Billy Talent II“ wurde zum Soundtrack meiner Teeniezeit: Zum ruhigen Liebeslied „Surrender“ konnte ich meine Verzweiflung zelebrieren, beim energischen „Sympathy“ unreflektiert wütend sein – auf den Typen, das Leben und die ganze Welt. Danach ging es mir meist besser. Die Lieder auf „Billy Talent II“ waren so fatalistisch und absolut, wie ich mich manchmal fühlte. Die Kompromisslosigkeit und Intensität, mit denen Ben Kowalewicz seine Emotionen besang, ordneten mein mentales Chaos. Meine Beziehung rettete das nicht, aber die Liebe zur Punkmusik ist geblieben – genau wie die Erkenntnis: Wut fühlt sich einfach besser an als Traurigkeit.

Von Kira von der Brelie

Adrenalin in die Blutbahn

Lieblingsalben haben einen Haken. Was im Schulbus die Welt auf den Kopf stellt, entpuppt sich wenige Jahre später als irrelevant für den weiteren Lebensweg. Lieblingsalben teile ich deshalb in zwei Kategorien: Abschnittsgefährten und zeitlose Partner. Zur zweiten Sorte gehört das Debütalbum des Wu-Tang Clan. Auf den aggressiven Battle-Rap auf „Enter the Wu-Tang (36 Chambers)“ reagiere ich noch heute wie 1993. Damals war ich zwölf und fand die vermummte Straßengang im MTV-Video („Wu-Tang Clan Ain’t Nuthing Ta Fuck Wit“) eher angsteinflößend als cool.

Sie kamen von den Straßen New Yorks, ich saß in meinem Jugendzimmer in Scherfede, einem Dorf in Ostwestfalen. So ähnlich war es wohl, als mein Vater Jahrzehnte zuvor Jimi Hendrix entdeckte. Das Album atmet denselben Geist des Rock’n’Roll, weil es wild, ungeschliffen und bedrohlich ist. Bis heute pumpen die rohen Tracks von Beginn an Adrenalin in mich. Die ungeschliffenen Beats sind wie Timbaland-Boots, die rücksichtslos durchs Neunzigerjahre-New-York stampfen, die Hooks wie das Publikum eines Boxkampfs. Man muss kein Hip-Hop-Fan sein, um die Energie zu fühlen, braucht aber ein Gefühl für den Rock’n’Roll. Und weil der schnell verloren gehen kann, bin ich froh über dieses Album.

Von Mario Moers

An die Hand genommen

Bis vor ein paar Jahren sagte mir der Name Avril Lavigne gar nichts. Schon klar: Jeder, der um 1990 geboren ist, wird mich dafür auslachen. Als Kind der Jahrtausendwende lernte ich jedoch gerade erst krabbeln, als die rebellische Kanadierin mit E-Gitarre und heftigem Eyeliner über den schnellen Ruhm des „Sk8er Boi“ sang. Auf der Chorfreizeit in der sechsten Klasse hörte ich mit der Powerballade „Keep Holding On“ das erste Mal ein Lied von ihr. Damals war der Song und ihr drittes Studiuoalbum „The Best Damn Thing“ bereits fünf Jahre alt.

Die Bedeutung des Titels war mir wegen meiner schlechten Englischkenntnisse schleierhaft, aber schon damals gefiel mir, wie die ruhige Grundstimmung des Liedes von der rockigen Bridge gebrochen wird: „Whatever’s meant to be will work out perfectly“, singt Avril an dieser Stelle: Wenn das Schicksal es will, wird alles perfekt funktionieren. Ihr Optimismus ist ansteckend. Ihre positive Sicht aufs Leben möchte ich mir bewahren – und dabei nicht vergessen, wie wichtig es ist, nicht aufzugeben und Dinge anzupacken. Schließlich lautet der Titel „Keep Holding On“ – halte durch. Diese Zeile ermutigt mich gerade jetzt in der stressigen Abiturzeit immer wieder aufs Neue.

Von Isa Begemann

Wer will schon cool sein?

Es gibt Phasen, in denen ändert sich so gut wie alles. Eine kam im Sommer 2001. Damals sah ich aus wie ein bleicher Steve Urkel, mit einem bunt gestreiften Pullunder und Klettverschlussschuhen. Dann nahm ich das erste Mal den Bus in die Stadt. Erster Schultag an der weiterführenden Schule, neue Lehrer, neue Klasse – alles neu. Um den Anschluss nicht zu verpassen, versuchte ich besonders cool zu sein, auch äußerlich. Yankees-Cap, Baggy-Jeans, so sah der neue Nils aus. Auch Musik spielte eine große Rolle dabei, wie angesehen man war. Andauernd steckte mir jemand die Kopfhörer seines Discmans ins Ohr, um mir unnötig laut einen Rap-Song zu zeigen. „Cool, oder?“ – „Ja, mega.“ Heimlich dachte ich: geht so. Coolsein war ziemlich anstrengend.

Eines Tages bin ich aber tatsächlich an einem Song hängen geblieben, nämlich „Anthem Part II“ von der US-amerikanischen Punk-Rock-Band Blink 182. Der eingängige Punkrock war genau meins. Ab diesem Zeitpunkt lief das Album „Take off your Pants and  Jacket“ bei mir in Dauerschleife. Irgendwann war das Album längst nicht mehr cool, aber das war mir egal. Ich musste nicht mehr um jeden Preis cool sein. Das war nur eine Phase. Aber die Songs sind geblieben.

Von Nils Oehlschläger

Unterschätzte Jugendliebe

Es war heiß für Anfang Juni. 30 Grad im Schatten. Meine Freunde und ich brutzelten auf der Expo Plaza und warteten auf den Auftritt von Casper. Der war gerade auf Castival-Tour – in jeder Stadt mit neuen Gästen. In Hannover waren es die Berliner Rapper von K.I.Z, die ihr neues Album „Hurra die Welt geht unter“ präsentierten. Allein der Name der Hip-Hop-Kombo weckte bei mir Erinnerungen. An die ersten Partys im Keller eines Schulfreundes, das erste Bier, und daran, wie wir mit 16 all die Quatsch-Lieder voller Beleidigungen und Provokationen mitgrölten, ohne auf den Text zu achten. Nein, dafür war ich als Studentin im zweiten Semester nun wirklich zu erwachsen, dachte ich.

Doch dann legten die Rapper los und zogen mich in ihren Bann. Mit den neuen Liedern wagten K.I.Z plötzlich viel mehr politische Meinung, positionierten sich in „Boom Boom Boom“ gegen rechte Hetze, in „Hurra die Welt geht unter“ gegen Kapitalismus. Dazwischen noch immer jede Menge Provokation, aber erwachsener, nicht mehr übertrieben und um jeden Preis. Ich war begeistert, kaufte das Album und hörte es den ganzen Sommer rauf und runter. Heute, drei Jahre später, weiß ich: Ich bin längst nicht so erwachsen, wie ich damals dachte. Deswegen kann ich auch den alten Quatsch wieder hören.

Von Johanna Stein

Nicht immer perfekt

Stillstand ist für mich schlecht zu ertragen. Ich will immer alles – und das am besten direkt und auf einmal. Statt mich treiben zu lassen, arbeite ich stets meine innere To-Do-Liste ab. Ich bin schlecht darin, keine Pläne zu machen und mir Zeit zum Nichtstun zuzugestehen. Wohl deshalb hat sich der Moment eingebrannt, als ich mein Lieblingslied vor knapp acht Jahren das erste Mal hörte. Eigentlich lief das Radio nur im Hintergrund, während ich Staub wischte oder vielleicht Brote für die Schule schmierte. Doch als der Sender „Froh dabei zu sein“ von Philipp Poisel spielte, hörte ich auf, durch das Haus zu wuseln.

Stattdessen setze ich mich ins dämmrige Wohnzimmer vor die Boxen und hörte zu. Sonst nichts. Bis heute erden mich die ersten fünf Songs des Albums „Bis nach Toulouse“. Philipp Poisel erzählt darin von so alltäglichen wie existenziellen Gefühlen, darunter Freiheitsdrang, die Angst zu sterben und die Liebe. Seine Melancholie ist zwar spürbar, aber die Aufbruchstimmung überwiegt. Wenn „Froh dabei zu sein“ aus meinen Kopfhörern erklingt, werde ich ruhiger. Die Worte und Bilder, die der Deutschpopper wählt, sind ganz einfach – und zeigen mir, dass nicht alles im Leben perfekt sein muss, damit es sich gut anfühlt.

Von Sarah Franke


Das ist der Record Store Day in Hannover

Seit 2007 gibt es den Record 
Store Day (RSD). Was in den USA begann, um kleine, unabhängige Plattenläden zu unterstützen, ist heute ein globaler Vinyl-Festtag: Am Sonnabend, 
21. April, gibt es vielerorts exklusive Sonderpressungen zu kaufen, viele Plattenläden organisieren aber auch Konzerte.

25 music: „Am meisten freuen wir uns auf David Bowies gleichnamiges Debüt und „Brawler“ von Tom Waits“, erzählt Lisa Bochmann von 25 music.  Zwischen 10 Uhr und 16 Uhr können Vinylliebhaber im Plattenladen in der Kronenstraße 12 stöbern. Das angekündigte Konzert von Rockband Brett fällt wegen Krankheit aus.

Monster Records: Weil der Monster Records so klein ist, wird er nicht von den großen Labeln wie Sony beliefert. Welche Platten am Sonnabend ab 12 Uhr im Plattenladen in der Oetltzenstraße 1 liegen ist auch für die Inhaber eine große Überraschung. Klar ist nur: Es werden kleine, unbekanntere Bands sein. „Für mich ist es ein Glücksspiel welche Platten ich bekomme“, sagt Besitzer Sven Jürgens.

Laura Ebeling

 

 

Über den Autor

Karsten Röhrbein

Karsten leitet die ZiSH-Redaktion der HAZ. Hier im Blog kümmert er sich vor allem um die Koordination, Themenbesprechung und was sonst so anfällt.

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