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Dieser Club zeigt dir, wie du richtig diskutierst

Dieser Club zeigt dir, wie du richtig diskutierst

Wir können mit Erdogan nicht umgehen wie mit einem störrischen Kind!“ – Ruben blickt direkt in die Augen seiner Zuhörer und untermalt die schnell und eindringlich gesprochenen Worte mit seinen Händen, die sich ununterbrochen bewegen. Er steht vor der Tafel in einem Raum am Königsworther Platz, in dem noch die miefige Luft vom Uni-Alltag hängt. Der 20-jährige Elektrotechnik-Student blickt kurz auf die Zeitanzeige seines Handys, dann wischt er sich die schulterlangen, braunen Haare aus dem Gesicht und spricht weiter. Morgens hat er sich noch mit den Grundlagen der elektromotorischen Energieumwandlung beschäftigt, nun spricht er über die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei – so frei und selbstbewusst, wie es viele Studenten gern können würden.

15 Minuten Zeit für Streit

Ruben ist Mitglied des Debattierclubs der Leibniz-Uni. Jeden Montagabend debattiert die Runde über die verschiedensten Themen: Hat Arbeit einen zu hohen Stellenwert in der Gesellschaft? Ist es problematisch, dass Bösewichte in Kinderbüchern immer nur negativ dargestellt werden? Die Mitglieder studieren Biochemie, Medizin, Jura oder Elektrotechnik wie Ruben. Nur 20 Prozent der Mitglieder sind Frauen, heute ist keine dabei.

Worum geht’s: Auf einem Zettel erhalten die Diskustanten die wichtigsten Infos. Foto: Tim Schaarschmidt

„Für mich ist das Debattieren ein Ausgleich: Im naturwissenschaftlichen Studium kommt es selten zu Diskussionen“, erzählt Ruben. Heute geht es darum, ob die EU die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen sollte. Ruben ist dagegen – nicht, weil das seine eigene Meinung ist, sondern weil er als einer der drei Oppositionsredner ausgelost wurde.
Regierung und Opposition haben im Vorfeld 15 Minuten Zeit gehabt, sich Pro- und Contra-Argumente und die Teamline, den roten Faden der gesamten Argumentation aller Redner, zu überlegen. „Wir entscheiden, wer welches Argument bringt und wie die erste Rede aufgebaut ist. Die folgenden Reden entstehen in der Debatte“, erklärt Ruben.
Die Argumente der Regierung schreibt er auf einem separaten Zettel mit, um später darauf eingehen zu können. „In meiner Rede arbeite ich erst diesen Zettel ab und komme dann zu meiner Argumentation.“

Streiten lernen: Ruben diskutiert mit einem Mitstreiter. Foto: Tim Schaarschmidt

Mittlerweile sind seine sieben Minuten Redezeit vor der Tafel fast um. Rubens Stimme wird lauter, und er spricht immer schneller. Ein Klopfen markiert das Ende der Zeit. Einen letzten Satz schleudert er der Regierung noch entgegen: „Das türkische Referendum ist kein Weckruf für die EU, sondern eine Ohrfeige!“ Club-Präsident Jan nickt anerkennend und streckt seinen Daumen in die Höhe. Mit diesem Bild hat Ruben seine Rede sehr anschaulich beendet. Beispiele, Metaphern und Bilder wecken die Aufmerksamkeit der Zuhörer. „Das große Ding ist aber die Struktur“, erklärt Ruben. „Wenn ich anfangs sage, was ich in meiner Rede vortragen will, gibt das den Zuschauern einen Überblick – und mir auch.“ Auch Argumentschemata können helfen, wie beispielsweise die „sexier“-Methode. Dabei stellen Redner zuerst eine These vor und erklären diese. Anschließend veranschaulichen sie die These mit Beispielen und sagen, warum das Thema wichtig ist.

„Es ist wichtig, Ängste zu rationalisieren“

Auch für Diskussionen in Uni-Seminaren hat Ruben einen Tipp: „Wem keine Argumente einfallen, sollte alle Akteure durchgehen: Wer ist betroffen? Welche Auswirkungen gibt es?“ Außerdem sei es wichtig, sich die Gegner anzuschauen: Welche Werte vertreten sie – und warum? Ähnlich sei es bei den Stammtischparolen, die beispielsweise bei Opas 80. Geburtstag in den Raum geworfen werden – oder bei einer Diskussion mit Populisten im Internet: „Man sollte ihnen das Gefühl geben, dass man sie ernst nimmt. Es ist wichtig, ihre Ängste zu rationalisieren und dann aber zu zeigen, warum sie vielleicht unbegründet sind“, sagt Jan.

Das wöchentliche Training hat seinen Blick für rhetorische Kniffe von Politikern geschärft. Dass geschulte Redner andere durch rhetorische Kniffe überzeugen können, obwohl die Argumente vielleicht haarsträubender Unsinn sind, findet Ruben problematisch. „Klar, wenn ich gut reden kann, kann ich auch Schwachsinn gut verkaufen“, weiß er. „Ich hinterfrage Talkshows deshalb mehr und überlege mir, an welchem Punkt ich den Redner angreifen würde.“

Wer am Ende die Montags-Debatte gewinnt ist für die Mitglieder Nebensache. Ruben etwa ist vor allem dabei, weil ihm das Debattieren Spaß macht. „Es verhindert Stammtischgerede, bei dem dauernd dieselben Argumente gebracht werden und man sich im Kreis dreht“, erklärt der Student. „Außerdem wird man gezwungen, festgefressene Meinungen zu überdenken – etwas, das Politiker zu selten machen.“

Sarah Seitz, Mitarbeit: Karthiga Manivannan

Wer mitdebattieren möchte, kann sich unter info@debattierclub-hannover.de melden.

Historische Debattierclubs: Von Sokrates bis „Club der toten Dichter“

Lange bevor die erste Universität gegründet wurde, ging der Philosoph Sokrates (469–399 v. Chr.) im antiken Griechenland auf den Marktplatz, die Agora, um Menschen in Debatten zu verwickeln. Sein Leitspruch „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (so die Überlieferung bei Cicero) war zugleich auch seine Masche: Er täuschte vor, vom Wissen seines Gegenübers beeindruckt zu sein – um dann mit klugen Fragen zu beweisen, dass sich sein Gegenüber im Grunde über nichts so richtig sicher sein kann.

Einer seiner Schüler, Platon (428/427–348/347 v. Chr.), gründete später die erste Akademie. Dort, in einer Art Schule, wurden Fächer aller Fachrichtungen unterrichtet. Vor allem aber wurde diskutiert – über einzelne Schriften und über Fragen, die Platon angeregt aber noch nicht beantwortet hatte.

Im 18. und 19. Jahrhundert bekamen die Debattierclubs einen neuen Namen: Salon. Rahel Varnhagen (1771–1833), eine deutsche Schriftstellerin, rief in Berlin wohl den berühmtesten ins Leben. An zahlreichen Abenden lud sie prominente Gäste wie Alexander von Humboldt oder Heinrich Heine ein, über die unterschiedlichsten Fragen zu diskutieren.
Auch Hans Werner Richter lud von 1947 bis 1967 zu literarischen Treffen der von ihm gegründeten Gruppe 47 ein. Junge und teilweise unbekannte Nachwuchstalente trugen ihre Texte vor und stellten sich der Kritik. Berühmte Mitglieder waren etwa Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger und Günter Grass.

Als Englischlehrer John Keating mischt Robin Williams ein konservatives Internat auf. Foto: dpa

Philosophisch und literarisch unkonventionelle Wege gehen – dazu animierte 1989 Englischlehrer John Keating, gespielt von Robin Williams, seine Schüler im Film „Club der toten Dichter“. Im konservativen Internat sorgt das für miese Stimmung: Die Schulleitung will den aufmüpfigen Lehrer loswerden.

Ansgar Nehls

Über den Autor

Sarah Seitz

Sarah (22) studiert Politik und Germanistik auf Lehramt und kann sich herrlich über Fußball, Politik und die Welt im Allgemeinen aufregen. Besonders gern auf Papier.

1 Kommentar

  1. Es ist ja nicht so, dass ich dem Autor nicht Lorbeeren für seinen Artikel gönnen würde, aber die Verbindung von Salon und Abendgesellschaften zu Debattierclubs ist doch arg schwach.

    Ansonsten! Sehr gutes Thema!

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