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Wie ist es eigentlich Nachhilfelehrer zu sein?

Wie ist es eigentlich Nachhilfelehrer zu sein?

Sie erklären Mathe mit dem Handyvertrag und machen mit Lieblingssongs Lust auf Musik: Vier Nachhilfelehrer erzählen von den Herausforderungen ihres Jobs.


Schon wieder eine 5

Wieder eine 5 – und nur noch ein Jahr bis zur Abschlussprüfung an der Gesamtschule: Das war meine Ausgangssituation als Mathenachhilfelehrer eines 18-Jährigen. Doch nicht nur der Stoff, den wir gemeinsam pauken mussten, war eine Herausforderung für mich. Weil ich statt Lehramt Mechatronik studiere, wusste ich nicht, wie man anderen etwas beibringt oder ihnen Mathe bei 30 Grad im Sommer schmackhaft macht.

Doch so, wie mein Schüler langsam lernte, die Winkel eines Dreiecks zu berechnen, überlegte ich mir eigene Lehrtechniken. Ich wollte, dass mein Schüler versteht, warum er einen bestimmten Rechenschritt macht. Darum nahm ich mir Zeit für Erklärungen und überlegte mir Beispiele. Mit linearen Funktionen kann man etwa berechnen, ab wann sich ein Handyvertrag lohnt. Mein Schüler hatte das in unseren Stunden bald super drauf und rechnete eine Aufgabe nach der anderen. In den Klassenarbeiten klappte es aber noch nicht. Das war für uns beide frustrierend. Auch seine Mutter sprach mich daraufhin an. Ich erlebe oft, dass Eltern schnell zu viel erwarten – und ich ihnen erklären muss, dass Lernen Zeit braucht.

Mein Schüler und ich trafen uns jede Woche und rechneten. Dabei lernte auch ich etwas: Wie man andere zum Durchhalten motiviert. In der Abschlussprüfung schaffte er schließlich eine 3. Das machte mich genauso stolz wie ihn – und hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, nicht den Mut zu verlieren. Auch wenn die Noten sich nicht direkt nach der ersten Nachhilfestunde bessern. 

Aufgezeichnet von Anna Beckmann

Alles außer Helene Fischer

Wenn die Gitarrenschüler aus der Culcha-Candela- und Cro-Phase raus sind, wird es für mich interessant: Jeder entwickelt seinen eigenen Musikgeschmack und möchte seine Lieblingslieder spielen. Also höre ich mir Charts, Klassik und Death Metal an und arrangiere die Stücke. Jeder soll das spielen dürfen, was er selbst gern mag – nur Helene Fischer ist für mich tabu.

Diesen Aufwand betreibe ich gern. Ich möchte besseren Gitarrenunterricht geben als den, den ich selbst früher hatte. Damals spielte ich über fünf Jahre jeden Freitag dasselbe Lied – weil es mich nicht interessierte und ich nicht übte. Ganz anders war das bei einem Mann, der zu mir kam, weil er auf seiner eigenen Hochzeit ein Lied von Silbermond spielen wollte. Er konnte weder singen noch Gitarre spielen – war aber so motiviert, dass er es bis zur Hochzeit lernte.

Natürlich habe ich auch oft Schüler, die zu Hause nicht üben. Die meisten haben diese Phase mit elf oder zwölf. Ich rede dann auch mal 15 Minuten mit ihnen und versuche ihnen zu erklären, dass sie hier etwas Cooles lernen. Zur Not wende ich mich auch an die Eltern. Die sollten hinter ihrem Kind stehen und es ermutigen.

Am meisten Spaß macht mir mein Job, wenn ich merke: Der Unterricht bringt etwas, der Schüler hat Spaß. Er kommt mit einem Lächeln rein, vergisst für eine Stunde seinen Alltagsstress und geht mit einem Lächeln wieder raus. So wie der Bräutigam: Nach der Hochzeit machte er weiter Musik und kaufte sich sogar eine eigene E-Gitarre. 

Aufgezeichnet von Greta Friedrich

Wenn die Schülerin zur Lehrerin wird

Panisch wälzte ich Englischbücher für die siebte Klasse. Ich ging das Fremdwörterbuch Wort für Wort durch und versuchte, mir jede Übersetzung einzuprägen. Der Grund für meine Nervosität war keine Prüfung. Obwohl, irgendwie doch ein bisschen: Meine erste Nachhilfestunde stand an – als Lehrerin.

Damals, als ich noch in der fünften Klasse war, brauchte ich selbst Englischnachhilfe. Jetzt gebe ich sie. Seit zwei Wochen engagiere ich mich beim Projekt „Schüler helfen Schülern“ als Nachhilfelehrerin für eine Siebtklässlerin. Erst war ich stolz, dann nervös. Schließlich bezahlen ihre Eltern mich dafür, dass aus der 4 eine bessere Note wird. Tagelang bereitete ich mich auf meine erste Stunde vor, spielte im Kopf alles tausendmal durch. Heute habe ich großen Respekt vor meiner alten Nachhilfelehrerin.

Dann ging es los: Auf den Tisch wuchtete ich einen riesigen Stapel alter Bücher. Ich wollte meine Schülerin – und irgendwie wohl auch mich selbst – davon überzeugen, dass ich organisiert und gut vorbereitet war. Schließlich ließ meine Nervosität dann doch langsam nach. Gemeinsam schrieben wie einen Text über ihre Ferien. Ihre Nachfragen waren gar nicht so schlimm, und ich wurde immer sicherer. Wenn ich mal länger für eine Vokabel überlegen musste, brachte mich das nicht völlig aus dem Konzept. Auch Lehrer können schließlich nicht alles wissen. Als meine Schülerin ging, spielte ich zufrieden die ganze Stunde noch mal im Kopf durch. Mein Ich aus der fünften Klasse wäre sicher stolz auf mich.

Abby Amoakuh

Hilfe gegen Hänseln

​Irgendetwas riecht hier die ganze Zeit nach Essen. Ich kann mich gar nicht konzentrieren!“, beschwert sich mein Nachhilfeschüler. „Ich rieche nichts“, erwidere ich schon zum gefühlt hundertsten Mal. „Oder bin ich das vielleicht?“, frage ich und reiche ihm meine Hand. Der Drittklässler schnuppert kurz und sagt freudestrahlend: „Ja, du bist das wirklich. Du riechst nach meiner Lieblingssuppe!“

Seit 2013 gebe ich neben meinem Lehramtsstudium immer mal wieder Nachhilfe, mal an der IGS Mühlenberg, gerade im Nachhilfeinstitut Linden-Limmer. Meine Schüler sind teilweise sehr jung und gehen noch in die Grundschule – Skurrilitäten sind da an der Tagesordnung. Der Drittklässler ist erst vor einem Jahr mit seinen Eltern aus Polen nach Deutschland gekommen. Auf dem Schulhof wird er oft gehänselt, weil er noch nicht so gut Deutsch spricht. Im Nachhilfeunterricht üben wir vor allem deutsche Grammatik und Vokabeln. Es gibt sicher Tage, an denen er lieber draußen sein würde, als mit mir im stickigen Lernraum Deutsch zu pauken. Trotzdem gibt der Zehnjährige sich immer große Mühe, aufmerksam zu sein – außer eben, wenn es zu sehr nach seiner Lieblingssuppe duftet.

Wenn die Noten meiner Schüler besser werden, freut mich das natürlich sehr. Noch mehr habe ich mich aber gefreut, als mir der Drittklässler erzählt hat, dass er seinen Schulkameraden nun auf Deutsch sagen kann, dass sie ihn in Ruhe lassen sollen. In solchen Momenten bin ich sehr stolz – auf ihn, aber auch auf unseren Unterricht.

 Aufgezeichnet von Kira von der Brelie

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

5 Kommentare

  1. „WIE IST ES EIGENTLICH NACHHILFELEHRER ZU SEIN?“ Fehlt da nicht ein Komma? 😉

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  2. Also Leute, wenn Kommentare nicht innerhalb einer vernünftigen Zeit freigeschaltet werden (oder meinetwegen gelöscht werden), dann ist so eine Kommentarfunktion eine Farce. Bisher 7,5 Stunden sind, gerade für eine Tageszeitung, viel zu viel.

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    • Karsten Röhrbein

      Hallo, danke für den Hinweis. Das geht natürlich gar nicht. Zur Erklärung: Wegen eines technischen Fehlers wurden die Kommentare leider nicht angezeigt, das ist jetzt behoben – hoffentlich.

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  3. Warum soll man hier eine Antwort (wieso eigentlich „Antwort“) hinterlassen, wenn diese tagelang nicht freigeschaltet wird? Die HAZ hat ein komisches Verständnis vom Internet! Internet ist 24/7 und kein Ordnungsamt.

    Antworten
    • Karsten Röhrbein

      Hallo, danke für den Hinweis. Das geht natürlich gar nicht. Zur Erklärung: Wegen eines technischen Fehlers wurden die Kommentare leider nicht angezeigt, das ist jetzt behoben – hoffentlich.

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