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Erst Studienabbruch, dann Hartz IV

Erst Studienabbruch, dann Hartz IV
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Nachdem Lisa ihr Studium abbrechen musste, lebt die 22-Jährige von Hartz IV. Wenn ihre Freunde ausgehen, bleibt sie meist zu Hause – denn Geld ist knapp.


Lisa (Name geändert) hat Freunde in ihre kleine Wohnung eingeladen. Sie feiert ihren 22. Geburtstag. Ganz unbeschwert kann Lisa ihn aber nicht genießen, denn immer wieder denkt sie daran, dass ihr Freund die Hälfte der Party bezahlt hat, weil ihr Geld nicht reichte. Nachdem die 22-Jährige vor einem Jahr ihr Studium abgebrochen hat, bekommt sie Arbeitslosengeld II, also Hartz IV. Studienabbruch mit Folgen Nach einem Freiwilligen sozialen Jahr entschied sich Lisa für ein naturwissenschaftliches Studium. „Ich habe aber schon nach ein paar Wochen gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist. Das Studium bot nur unzureichend Struktur“, erzählt sie. Dazu kamen gesundheitliche und seelische Probleme, denn Lisa ist essgestört. Sie brauchte Zeit, um sich auf ihre Therapie und sich selbst zu konzentrieren, und entschied sich dafür, das Studium abzubrechen.

Geld von den Eltern leihen

Ein Studium abzubrechen ist nichts Ungewöhnliches: 30 Prozent der Studierenden in Deutschland, brechen laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung von Juni 2017 ihr Bachelorstudium ab. Der Unterhalt ihrer Eltern stand ihr dann nicht mehr zu. Deshalb meldete sich Lisa nach dem Studienabbruch beim Jobcenter. Aus diesem Grund konnte sie auch nicht eingeschrieben bleiben, denn dann hätte das Jobcenter kein Geld bezahlt. „Bis mein Antrag bearbeitet und genehmigt wurde, hat es über zwei Monate gedauert“, sagt Lisa. In dieser Zeit musste sie sich dann doch Geld von ihren Eltern leihen, um Lebensmittel zu kaufen und die Miete für ihre Ein-Zimmer-Wohnung zu bezahlen.

Sofa statt Kino

Dort hat sie es sich auf 30 Quadratmetern gemütlich gemacht. An den Wänden hängen Postkarten und Fotos von Freunden. Das Bett musste Lisa gerade erst neu kaufen. Von den 550 Euro Hartz IV und den 190 Euro Kindergeld bleiben ihr nach Abzug der Fixkosten im Monat gerade einmal 340 Euro übrig. Ein neues Bett ist für sie so kaum finanzierbar. Lisa entschied sich schließlich für einen Kauf auf Raten. „Wegen meiner Essstörung achte ich sehr auf meine Ernährung“, erklärt Lisa den Zettel mit Ernährungstipps neben ihrem Kühlschrank. Frisches Obst und Gemüse sind für sie wichtig, und deshalb gibt sie dafür mehr Geld aus. „Ich muss dann eben auf andere Dinge wie zum Beispiel Kinobesuche verzichten“, erzählt sie. Als Studentin ging sie regelmäßig mit ihren Freunden in die Stadt, um die neusten Filme zu schauen. Heute muss sie meistens zu Hause bleiben, während ihre Freunde sich ohne sie treffen.

Verständnis und Vorurteile

Die meisten ihrer Freunde studieren, sind rücksichtsvoll und wissen, wie es ist, mit wenig Geld zu leben. „Meine Freunde laden mich oft ein. Aber auf Dauer ist mir das unangenehm. Ich unternehme dann lieber kostenlose Sachen wie zum Beispiel Radtouren“, sagt sie.

Aber nicht überall trifft Lisa auf Verständnis: „Meine Freunde hatten nie ein Problem damit, dass ich Hartz IV bekomme, aber bei vielen anderen ist das Bild von Hartz-IV-Empfängern sehr negativ geprägt“, meint Lisa. Deshalb versucht sie das Thema in Gesprächen zu umgehen. „Manchmal schäme ich mich dafür, dass ich Hartz IV bekomme. Wenn jemand fragt, was ich mache, sage ich, dass ich bald eine Ausbildung anfange“, erzählt sie.

Hartz IV ist kein Phänomen der Alten: Lisa ist eine der 7,1 Prozent in Niedersachsen, die laut der Arbeitsagentur Hartz IV beziehen und zwischen 21 und 25 Jahren alt sind. Insgesamt gibt es in Niedersachsen 600 000 Hartz-IV-Empfänger. Wer bisher nicht sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat und somit keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wird mit Hartz IV unterstützt, wenn es kein ausreichendes Einkommen gibt.

Stress mit dem Jobcenter

Bevor Lisa ihr Studium abbrach, hatte sie sowohl die Unterstützung ihrer Eltern als auch Geld von einem Nebenjob zur Verfügung. Auch im letzten Jahr wollte Lisa nicht nur tatenlos herumsitzen. Als sie merkte, dass es ihr gesundheitlich besser ging, machte sie kurze Praktika und nahm einen befristeten Nebenjob an. „Hätte ich vorher gewusst, welche Konsequenzen das nach sich zieht, hätte ich es nicht gemacht“, sagt sie heute. Hartz-IV-Empfänger dürfen nicht mehr als 100 Euro im Monat abzugsfrei dazuverdienen. Diese Grenze überschritt Lisa und musste deshalb jede Menge Formulare ausfüllen und zeitweise auf die staatliche Unterstützung verzichten. Und überhaupt hat ihr das Jobcenter eine Menge Stress bereitet. „Jedes Mal, wenn ich zum Briefkasten gehe, hoffe ich, dass kein Brief von ihnen drin liegt“, sagt Lisa. Bewerbungstrainings und Berufsberatungen, die das Jobcenter ihr anbot, kamen für Lisa zu spät: Die Bewerbungsfristen für Ausbildungen endeten meist im Dezember. Das Jobcenter konnte ihr allerdings erst für Februar ein Bewerbungstraining anbieten. Deshalb bewarb Lisa sich auf eigene Faust – weil sie nicht länger auf Hartz IV angewiesen sein wollte.

Neue Perspektive

Und das mit Erfolg. In Kürze fängt Lisa eine Ausbildung bei einer Versicherung an. „Ich freue mich schon sehr darauf, denn dann bin ich wieder unabhängig und habe einen geregelten Tagesablauf“, sagt sie. Von ihrem ersten Gehalt möchte sie ihren Freund zum Essen einladen als Dankeschön dafür, dass er sie so oft unterstützt hat.

Von Anna Beckmann

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

3 Kommentare

  1. Hier wird wirklich jedes H4-Opfer-Klischee ausgerollt.
    Ratenzahlung, Scham, kein Geld für Kino, weil Obst so teuer;-) und trotz Abi nicht geschnallt, dass Nebenjobs auf ALG2 angerechnet werden. Dass die Studentenkumpels sie einladen, obwohl die ja genauso wenig Geld haben, da bricht die Story dann endgültig ein.

    Schwer vorstellbar, dass es Lisa so wirklich gibt.
    In ihrem Alter, mit Abi, ist H4 in der Regel eh nur vorübergehend und deswegen nicht tragisch. Finanzielle Engpässe würden mit kleinen Gelegenheitsjobs überbrückt, wo es das Geld cash auf die Hand gibt.

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  2. Da kommen Einem ja die Tränen. Die Armut einer Volljährigen. Sie kann keine Filme mehr sehen. Wie grauenhaft.

    Die Dame muss sich schleunigst um ein eigenes Einkommen kümmern und sie muss immer daran denken: Ihre Hartz-iV-Bezüge wachsen nicht auf den Bäumen.

    Während Lisa zu Hause sitzt, müssen ihre Freunde Hartz IV für sie verdienen. Auf dem Bau, in der Fabrik, im Büro, im Krankenhaus.

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  3. „Lisa“ kann froh sein das der Staat sie unterstützt. Wie man ja weiß ist das nicht in jedem Land so üblich.
    Über 2 Monate darauf warten zu müssen dass ein Antrag bearbeitet wird ist doch schon üblich und wie ich finde schon sehr schnell für Jobcenter Verhältnisse. Und das man weniger Geld bekommt, wenn man zusätzliche Einnahmen hat ist doch auch logisch. Wenn ich einen Teil meiner Kosten selber decken kann, wieso sollte der Staat dann noch drauf zahlen? Für eine alleinstehende Person 340€ im Monat zur Verfügung stehen zu haben ist vielleicht nicht viel und man kann sich halt nicht alles leisten (wie z.B. ein neues Bett), aber Arm ist man auch nicht denn fürs nötigste reicht es doch (Essen, Körperhygieneartikel, usw.). Es ist wahrscheinlich so „schlimm“ für sie (und wohl auch für den Autor), da sie es anders kennt und bei ihren Freunden auch anders sieht. Für mich klingt das jedoch nach „erste Welt“ Problemen. Ich weiß dass man an HartzIV-Geld nicht viel bekommt und dass die vielen Vermittlungsvorschläge oder Bewerbungstrainings nerven können, habe es selber erlebt. Auch wenn ich nicht alles am „HartzIV-System“ gut finde, bin ich trotzdem froh dass es das gibt. Mitleid habe ich mit „Lisa“ nicht.
    Hätte übrigens nicht auch die Krankenkasse etwas zahlen können da „Lisa“ ja vorübergehend durch ihre Essstörung arbeitsunfähig war?

    Übrigens der Titel „Erst Studienabbruch, dann Hartz IV“ klingt so als wäre „Lisa“ tief gefallen. Eben war sie noch eine angesehene Studentin und dann nach ihrem Fall eine arme Hartz IV-Empfängerin…….da tragt ihr ja gut dazu bei das die Vorurteile gegenüber Hartz IV-Empfängern abgebaut werden :/

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