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Interview mit Julia Engelmann: „Viele sind zu streng zu sich“

Interview mit Julia Engelmann: „Viele sind zu streng zu sich“

Mit ihrem Text „One Day“ schuf Julia Engelmann ein Manifest der Generation Y.  Jetzt hat die Poetry-Slammerin ein persönliches Album aufgenommen.


Du hast dein Album „Poesiealbum“ betitelt. In Poesiealben stehen doch immer so lasche und kitschige Sprüche drin. Wieso hast du dich für den Titel entschieden?
Ich mochte Poesiealben immer richtig gern, genauso wie Freundschaftsbücher. Unter all den Titeln für ein mögliches Album fasst dieser einfach am besten zusammen, was drin ist. Es sind alles Lieder, die auf Gedichten von mir basieren, und es ist ein Album. Ein Poesiealbum also.

In manchen Kritiken wurde bemängelt, dass dein Album zu belanglos sei. Was sagst du solchen Kritikern?
Ich mag Kritik, wenn sie konstruktiv, wertschätzend und liebevoll ist. Ich denke, dass man nicht alles mögen muss. Was in einem menschlichen Kopf passiert, der Wunsch glücklich zu sein und dazu gehören zu wollen, bestimmte Ängste vor banal wirkenden Sachen … ich finde das nicht belanglos. Jeder trägt so etwas in sich. Ich glaube, dass Dinge nicht immer kompliziert sein müssen, um schön zu klingen.

Du hast von Freundschaftsbüchern gesprochen. Hast du die früher gern ausgefüllt?
Ja, total. Mit meinen Freundinnen hatte ich auch Briefbücher. Da haben wir während der Schulzeit abwechselnd Texte und Erlebnisse reingeschrieben. Manchmal haben wir es mehrmals am Tag hin und her gereicht, manchmal auch für eine Woche vergessen.

In Briefbüchern schildert man sehr persönliche Erlebnisse, genauso wie in Tagebüchern. Die meisten lassen ihre Gedanken aber lieber auf dem Papier. Wieso publizierst du persönliche Gedanken in Texten und Liedern?
Erst einmal gibt es ja verschiedene Typen von Menschen. Ich war eigentlich immer eher still. Dass ich jetzt laut spreche, hätte ich selbst nicht gedacht. Mir hat es immer wahnsinnig geholfen, wenn jemand anderes persönliche Dinge laut gesagt hat. Dadurch habe ich gemerkt, dass ich mit meinen Gedanken nicht alleine bin – und dann Poetry-Slam als Plattform für mich entdeckt.

Was hast du beim Slammen gelernt?
Dass wir uns eigentlich alle recht ähnlich sind und eine große Schnittmenge haben. Es ist zudem nicht schlecht, verletzlich zu sein. Das gehört zum Leben dazu.

Manche Menschen sind von Natur aus still und bleiben es auch. Bist du durch den Poetry-Slam innerlich gewachsen?
Ich glaube, es ist ein bisschen davon abhängig, in welcher Situation oder in welchem Umfeld ich mich befinde und meine Gedanken laut äußern kann. In einigen Schulklassen kann man sich so laut äußern, wie man möchte, und man fasst nie Fuß. Im Freundeskreis ist das vielleicht anders. Ich bin nicht immer laut. Wenn ich neue Menschen oder Situationen kennenlerne, bin ich eher still. Das ist aber nicht schlimm.

Was macht für dich den Reiz am Poetry-Slam aus?
Ich bin keine Poetry-Slammerin mehr. Jetzt bin ich eher eine Vollzeitdichterin und mache auch noch Musik. Ich mag es, dass verschiedene Menschen beim Slam ihre Gedanken äußern und dafür gleich viel Zeit und Platz auf der Bühne haben. Mit Texten kann man anderen Menschen zeigen, dass sie nicht alleine sind. Außerdem macht Kreativität wahnsinnig viel Spaß.

Hast du einen Tipp für Anfänger, wie man es schafft, sich auf die Bühne zu stellen und da eine Präsenz zu entwickeln?
Wer wahnsinnig gern schreibt, aber sich nicht von der Bühne angezogen fühlt, muss auch nicht auf ihr stehen. Ich denke, es reicht ansonsten schon, wenn man gern schreibt, Lust auf Poetry-Slam hat. Das Format ist ja sehr frei, es gibt keine vorgegebenen Stile. Man muss einfach anfangen und sich trauen.

Selbstvertrauen, darum geht es auch in deinem Lied „Kein Modelmädchen“. Darin singst du, dass es wichtiger ist, sich selbst zu mögen, als
Likes zu sammeln. Ist das nicht schwierig, wenn man sich online bei Facebook oder Instagram permanent vergleichen kann?
Ich glaube, dass die Onlinewelt ein Symptom ist für eine Sache, die es immer gibt. Auch meine Großeltern haben sich mit ihren Nachbarn verglichen, die wollten auch gemocht werden. Das hat man damals vielleicht daran festgemacht, wie viele Menschen zur Geburtstagsparty gekommen sind oder wie wild die Party war. Ich glaube nicht, dass Instagram alles kaputt macht.

Was hältst du denn davon, dass Likes für viele junge Menschen wichtig sind?
Ich kenne ja nur mich und meinen Freundeskreis. Ich weiß nicht, wieviele Leute wirklich etwas darauf geben. Es gibt sicher genug Menschen, die sich nicht davon abhängig machen. Ich kann ansonsten auch verstehen, dass es wichtig ist, sich mit anderen zu vergleichen, um eine eigene Identität zu finden. Außerdem wollen Menschen gemocht werden, denn sie sind soziale Wesen. Sich selber zu mögen ist etwas, das man im Idealfall so früh wie möglich lernt.

Du hast den Begriff „Quarter-Life-Crisis“ geprägt. Was meinst du damit?
Bekannt ist ja eher die Midlife-Crisis. Um die 50 fangen manche Menschen an, die Frage zu stellen, was sie mit ihrem Leben noch anfangen sollen. Sie merken, dass die Zeit vorbeigeht. Heute geht vieles schnell. Viele sind früh mit der Schule fertig und haben wie ich mit 25 schon einiges ausprobiert.

Das ist doch nicht schlecht.
Wenn man jung ist, sagen einem das ständig alle Leute. Ich habe das Jungsein erst für eine Eigenschaft von mir gehalten, bis ich gemerkt habe, dass es eine Lebensphase ist. Ich werde älter und mein Leben geht tatsächlich vorbei. Es geht um Weichenstellung. Eine Krise kann auch eine Art Findungsprozess sein.

Ist die „Quarter-Life-Crisis“ ein allgemeines Phänomen?
Ich kann nicht für alle sprechen. Identitäts- und Lebensfragen lassen sich nicht am Alter festmachen. Dadurch, dass ich Texte schreibe und sie öffentlich mache, kriege ich Feedback und habe gemerkt, dass kaum eine Empfindung so exklusiv ist, wie ich dachte. Dass ich anders als alle anderen bin, hat sich als Irrtum herausgestellt. Deswegen glaube ich, dass viele die „Quarter-Life-Crisis“ kennen.

Auch mit Mitte 20 weiß noch nicht jeder, was für ihn selbst und andere gut ist.
Ja, das ist ein Stück weit sogar ein lebenslanger Prozess. Als ich 15 war, dachte ich, mein Ziel sollte es sein, meine Freunde zu finden und glücklich zu sein und diesen Zustand dann zu halten wie einen gut gepflegten Garten. Aber ich glaube, da rechnet man dann nicht so richtig mit den Jahreszeiten, die darüber hinwegfegen können.

Und wie wappnet man sich gegen die Jahreszeiten?
Viele Menschen sind sehr streng zu sich, inklusive mir. Ich glaube, man kann nur für sich selbst entscheiden, gut zu sich zu sein. Ein Kind würde man auch nicht anschreien, wenn es einen Fehler macht oder Angst hat. Wer zu hart zu sich ist, nimmt sich alle Freude. Gedanken sind wie eine Programmiersprache. Indem ich immer wieder gute Sätze durch meinen Kopf jage und die unsinnigen draußen lasse, wird er zu einem gemütlicheren Ort.

Du hast dein Psychologie-Studium für deine Dichterinnen-Karriere abgebrochen. Bist du damit glücklich?

Ich habe drei Jahre darüber nachgedacht. Es war also keine Hals-über-Kopf-Entscheidung. Als ich den Brief mit der Exmatrikulation in den Briefkasten geschmissen habe, hat sich das super richtig angefühlt. Zur Zeit bin ich ausgelastet und neugierig auf das, was ich mache. Ich kann mir aber immer noch vorstellen, wieder Psychologie oder etwas anderes zu studieren. Meine Mutter hat mit 39 angefangen, Psychologie zu studieren. Ich denke, da ist bei mir noch alles offen.

Interview: Sarah Franke

Das Konzert am Freitag, 24. November, im Kuppelsaal ist ausverkauft, aber 2018 tritt Julia Engelmann dort erneut auf: am 19. Oktober. Tickets gibt es ab 29,80 Euro in allen HAZ-Ticketshops und auf www.haz.de/tickets.


Slams, Bücher, Musik: Das ist Julia Engelmann

Durch einen Youtube-Mitschnitt vom Bielefelder Hörsaal-Slam wurde Julia Engelmann 2014 schlagartig bekannt. Über elf Millionen Klicks hat „One Day / Reckoning Text“ bislang. Die Poetry Slammerin sinniert über vertane Chancen und zum Sc

hluss kommt: „Also: Los! Schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen!“
In Vorlesungssälen hockt die 25-Jährige aber nicht mehr. Ihr Psychologiestudium brach sie ab, um sich voll und ganz ihrem Dasein als Dichterin zu widmen – mittlerweile hat sie drei Bücher verfasst.

Im November erschien ihr Musikdebüt. Unter dem Titel „Poesiealbum“ veröffentlichte Engelmann einen Mix aus vertonten Slams und neu verfassten Liedern. In ihren Songs besingt die heute 25-Jährige Themen wie Selbstzweifel und Selbstbestimmung, unterstützt von Akustikgitarre und Klavier.
Beistück: Nina Hoffmann

Über den Autor

Sarah Franke

Sarah (23) studiert Journalistik. Ihre liebste Textart steht allerdings nicht auf dem Lehrplan: Essays, die genauso gefühlig wie die Deutschpopsongs sind, die sie auf dem Weg zur Hochschule hört.

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