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Packt das Handy weg!

Packt das Handy weg!

Mit Insta-Stories und Livevideos wird das eigene Leben dauergestreamt. Das Filmen nervt nicht nur gewaltig – es kann auch Menschenleben kosten.


Ich balanciere auf meinen Zehenspitzen und strecke mich, um einen Blick auf Casper vorn auf der Bühne zu erhaschen. Dass ich mich dafür so anstrengen muss, liegt nicht nur an meiner Größe. Meine Sicht wird vielmehr versperrt von den flimmernden Handybildschirmen und ausgestreckten Armen der Leute vor mir.
Ich kann gut verstehen, dass man schöne Erlebnisse mit einem Foto festhalten will. Aber ein verwackeltes Video über vier Minuten? „Den Scheiß guckst du dir eh nie wieder an“, hat schon Henning May von AnnenMayKantereit in „Du bist da“ gesungen. Und recht hat er. Leute, ihr nervt gewaltig mit eurem Secondscreen im Dauermodus! Ihr vermiest nicht nur anderen das Konzert, sondern doch auch euch selbst: Nicht nur, dass durchschnittlich trainierte Arme spätestens nach zwei Minuten Dauerfilmerei anfangen zu wackeln. Es macht auch einfach keinen Spaß, das Lieblingslied nur durch den Bildschirmfilter zu sehen.

Keine Lust auf Smartphones: Sänger Henning May von AnnenMayKantereit.

Keine Lust auf Smartphones: Sänger Henning May von AnnenMayKantereit.

Wer weiter hinten steht, kann Auftritte oft auf den Leinwänden daneben im Livemitschnitt verfolgen. Schöner ist es natürlich, wenn man sich einen Weg durch die Masse kämpfen konnte und aus den vordersten Reihen der Band zujubeln kann. Wenn ich dann aber jemanden vor mir habe, der das Konzert komplett filmt und Casper dabei nur durch den verpixelten Bildschirm sieht, frage ich mich: Hat sich da die Mühe, sich nach vorne durchzuboxen, überhaupt gelohnt? Wer sich die Show später noch einmal anschauen will, kann das auch zu Hause auf dem Sofa – auf DVD. Die Qualität ist auf jeden Fall besser als bei einem verwackelten Amateurvideo.

Overacting auf Snapchat und Co.

Aber scheinbar geht es ja auch nicht um das Konzerterlebnis als solches, sondern um die Verwertbarkeit als Instagram-Quadrat oder Snapchat-Story.
Und nicht nur auf Konzerten nervt die Daueranwesenheit von Snapchat und Co.: Wenn jemand beim Feiern neben mir auf der Tanzfläche plötzlich anfängt, wie wild den Kopf zu schütteln, und hingebungsvoll vor dem Smartphone performt, hat derjenige keinen ernst zu nehmenden Anfall oder feiert das Lied, sondern snappt gerade die Partynacht – Overacting inklusive. Äh, ja.
Natürlich sind Instagram und Snapchat Orte der Selbstdarstellung. Auch für mich. Jeder kann Fotos oder Videos hochladen, bearbeiten und posten. Meist ist das unterhaltsam: Man kann sich Inspirationen für die Wohnzimmerdeko holen, spannende Projekte und Trends verfolgen und sich auch selbst darüber ausdrücken. Auf Instagram kann jeder fast zum Künstler werden. Ein Foto vom Frühstücksmüsli, geteilte Erinnerungen der Asien-Reise und Selfies sind durchaus spannend, oft sehr ästhetisch und machen einfach Spaß. Ein witziges Bild verschicken, das sich nach wenigen Sekunden wieder löscht – das ist Snapchat für mich. Das ist sehr praktisch bei Bildern, die nur kurz wichtig sind und bei Whatsapp unnötig den Speicher vollmüllen.
Was mich tierisch nervt, ist das gedankenlose Dauerstreaming: Auf Snaps im Minutentakt folgt die Story-Funktion bei Instagram und Facebook, selbst bei Whatsapp kann man seit Kurzem tägliche Statusfilme oder -fotos posten. Statt eine Nacht mit Freunden durchzufeiern, singt das Mädchen neben mir dann plötzlich in ihre Smartphonekamera. Es ist eine ständige Suche nach dem perfekt inszenierten Instagram-Moment im Valencia-Filter. Das ist inzwischen so individuell wie ein Levis-Shirt und verdrängt das eigentlich Schöne: Beim Feiern nicht darüber nachzudenken, was als Selbstvermarktung taugt.

Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke

Dass beim gedankenlosen Draufhalten das Gefühl für den Moment auf der Strecke bleibt, zeigen auf besonders drastische Weise Aufnahmen von Unfällen, auf denen Autowracks und Opfer fotografiert werden. Dass ein Unfall auch Schaulustige anzieht, ist kein neues Phänomen. Dass Gaffer für ein Foto von Unfallwracks und sterbenden Menschen aber den Rettungskräften im Weg stehen und sie daran hindern, Leben zu retten, schon.
In der ersten Reihe zu stehen und Aufnahmen zu verschicken scheint gerade enorm wichtig zu sein. So sehr, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Durch eine Handykamera zuzusehen, wie jemand stirbt, ohne ihm zu helfen – das verletzt nicht nur die Würde von Opfern, sondern ist auch kriminell – und wird mit Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet.
Klar, Fotos von Unfällen zu machen ist etwas anderes, als die Party­nacht zu teilen, aber eins haben beide Situationen gemein: Es gibt Momente, in denen die pixelige Selbstvermarktung definitiv zu weit geht. Und das kann kein Filter der Welt retten.

Von Kira von der Brelie

Über den Autor

Kira v. d. Brelie

Kira (25) studiert Germanistik und Philosophie in Hannover. Vielleicht wird sie später Lehrerin, vielleicht aber auch nicht. Bis dahin schreibt sie. Für die Zeitung, für die Uni, mit Mama.

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