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So abwechslungsreich ist ein FSJ Kultur

So abwechslungsreich ist ein FSJ Kultur

Theater, Kunst oder Literatur: Knapp 1700 Jugendliche machen gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur. ZiSH hat zwei von ihnen getroffen.


„Ich bin auch schon über falsche Brüste gestolpert und musste über Lachen aus Kunstblut hinwegsteigen“, sagt Leonie Kratzenstein grinsend, während sie über den Innenhof des Schauspielhauses durch bunt schimmernde Seifenblasen läuft. Über Skurrilitäten wie diese wundert sich die 19-jährige FSJlerin im Schauspiel Hannover schon lange nicht mehr. „Wenn man eine Weile hier arbeitet, hört man auf, solche Dinge zu hinterfragen“, sagt sie lachend.

Für ihr FSJ Kultur ist Leonie vor über einem halben Jahr nach Hannover gezogen. Die gebürtige Lübeckerin verbringt seitdem einen Großteil ihrer Zeit in den unterschiedlichen Institutionen des Theaterkomplexes, wie Oper, Schauspiel oder Ballhof. Beworben hat sie sich über die Landesvereinigung kulturelle Jugendbildung Niedersachsen.

Damit ist sie einer von knapp 5200 jungen Menschen, die sich 2017 laut der Website freiwilligendienste-kultur-bildung.de für ein FSJ im Kultur-, Politik- oder schulischen Bereich beworben haben.

Stressiger Alltag

Dass sie ein FSJ im Theater machen möchte, wusste Leonie schon lange. „Ich habe bereits in Lübeck im Stadttheater neben der Schule fünf Jahre in einem jungen Ensemble mitgespielt“, erzählt Leonie. Daher wusste sie bereits, dass der Theateralltag alles andere als ruhig ist. „Wenn ich mit Stress nicht umgehen könnte, hätte ich das FSJ wohl nicht lange durchgehalten“, erklärt Leonie, während sie vom Schauspielhaus zum Ballhof eilt.

Dass Leonie bequeme Birkenstockschuhe und Cargo-Hosen trägt, erscheint bei den Strecken, die sie zwischen den Gebäuden des Theaterkomplexes zurücklegt, einleuchtend – Hauptsache, praktisch. Gerade noch hat sie vor 13 Schülern einer achten Hauptschulklasse gestanden und eine Führung durch das Schauspielhaus gegeben.

„Mein Weg soll mich ins Theater führen“: Die FSJlerin des Schauspielhauses Leonie Kratzenstein möchte einen Studiengang aus dem kreativen Bereich anschließen.

„Mein Weg soll mich ins Theater führen“: Die FSJlerin des Schauspielhauses Leonie Kratzenstein möchte einen Studiengang aus dem kreativen Bereich anschließen.

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt Leonie allerdings nicht: Im Ballhof muss sie noch ein paar Telefonate wegen dem zehnjährigen Jubiläum des Jungen Schauspiels führen. Der Aufgabenbereich ist vielfältig: „Auch die Organisation ist Bestandteil meines FSJs“, sagt Leonie. Sie assistierte etwa schon bei dem Theaterstück „Edda“, stand aber auch schon selbst als Statistin auf der Bühne.

Gerade heute ist es wichtig, dass die Planung der kommenden Tage rundläuft: Parallel zu den Vorbereitungen des Jubiläums sind auch noch die letzten Proben des Yalla-Ensembles. Als Leonie alle wichtigen Gespräche erledigt hat, geht es weiter in die Oper, wo sie im Kleiderfundus nach passenden Klamotten für die nächsten Inszenierungen sucht.

Viel Verantwortung

Passt die hautfarbene Leggins in Größe 164 dem Zehnjährigen? Entsprechen die Klamotten den Vorstellungen der Dramaturgen? Leonie musste gleich zu Beginn viel Eigenverantwortung für die Arbeit hinter und vor der Bühne übernehmen. „Als Zuschauer fokussiert man sich oft nur auf das Schauspiel. Regie, Kostüm und Dramaturgie werden schnell vergessen“, sagt Leonie.

Im Schauspiel sind die Arbeiten, die hinter der schauspielerischen Darbietung stehen, zentraler Bestandteil des FSJs. Diese Erfahrungen bestärkten ihren Wunsch, einen Studiengang im kreativen Bereich an ihr FSJ anzuschließen. „Ich bin mir noch unsicher, was genau ich studieren will, aber ich weiß ganz sicher: Mein Weg soll mich ins Theater führen“, sagt Leonie.

Social-Media-Betreuung

Auch Carlotta Rudolph hat das FSJ Kultur dabei geholfen, herauszufinden, was sie einmal studieren möchte: Betriebswirtschaftslehre. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, erscheint der 20-Jährigen sehr einleuchtend. „Hinter Kulturarbeit steckt ja nicht nur der künstlerische Bereich, sondern eben auch der Organisatorisches und gerade das interessiert mich“, erklärt Carlotta.
Sie absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr im Kunstverein Hannover in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.Während ihres FSJs begleitet sie die Künstler und deren Ausstellungen. Sie ist zuständig für den Instagram-Account des Vereins und führt die Facebook-Seite.

„Gerade der organisatorische Bereich interessiert mich“: Die FSJlerin Carlotta Rudolph will nach dem freiwilligen Jahr im Kunstverein Betriebswirtschaftslehre studieren.

„Gerade der organisatorische Bereich interessiert mich“: Die FSJlerin Carlotta Rudolph will nach dem freiwilligen Jahr im Kunstverein Betriebswirtschaftslehre studieren. Foto: Franson

Mit dem Smartphone fotografiert Carlotta deshalb regelmäßig die aktuellen Ausstellungen und bemüht sich um eine einheitliche und schlichte Optik der Online-Seiten. „Die sozialen Medien werden auch für die kulturellen Betriebe immer wichtiger“, erklärt auch Olga Isaeva, die Pressesprecherin des Kunstvereins Hannover. „Da nimmt Carlotta uns eine wichtige und aufwendige Arbeit ab.“

FSJ prägt Kunstverständnis

Vor ihrem FSJ hatte Carlotta eher ein oberflächliches Verhältnis zu dem Thema Kultur. „Ich bin zwar gelegentlich ins Museum gegangen, aber habe mich nicht tiefer mit der Materie beschäftigt“, erklärt sie. Im FSJ muss sie sich ausführlich mit Kunst beschäftigen. Besonders zeitgenössische Kunst interessiert sie nun. Das wurde auch durch die Seminare bestärkt, die sie im Rahmen ihres FSJs besuchen muss.

Während mehrtägiger Kurse lernen die FSJler aus den unterschiedlichen kulturellen Institutionen Hannovers die Kulturarbeit und damit verbundene Tätigkeiten genauer kennen. Carlotta konnte in den Seminaren malen, Podiumsdiskussionen von Aktivistinnen verfolgen und sich mit einem kulturellen Umgang mit Themen wie Sexismus auseinandersetzen.

Leonie und Carlotta sind begeistert: „Jeder Tag ist verschieden und bringt andere Aufgaben mit sich“, erklärt Carlotta. Auch Leonies vorläufiges Resümee fällt positiv aus: „Mein FSJ ist ein Erfahrungsschatz, aus dem ich viele Freundschaften mitnehmen werde“, sagt sie.


Das ist das FSJ Kultur

2001 startete der erste Jahrgang des FSJ Kultur mit 125 Plätzen in fünf Bundesländern nach Angaben von freiwilligendienste-kultur-bildung.de.

1674 Jugendliche machen zurzeit in Deutschland ein FSJ Kultur. In Niedersachsen sind es 184.

Die gesetzliche Mindestdauer beträgt sechs Monate. Wer vorher seinen Dienst beendet, gilt als Abbrecher.

Jeder Fünfte beendete das FSJ Kultur in Niedersachsen 2017 vorzeitig. 1,2 Prozent brachen ab, 14 Prozent hörten im letzten Drittel aus privaten Gründen oder wegen Ausbildungsbeginn vorzeitig auf.

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