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So hart ist Quidditch in der echten Welt

So hart ist Quidditch in der echten Welt

Den Kultsport Quidditch aus den „Harry Potter“-Romanen gibt es auch in der echten Welt. Wir haben das Team der Hannover Nifflers beim Training besucht.

Mit einem Gummiball in der Hand und einem grünen Plastikstab zwischen den Beinen sprintet Simon Sadowski durch die Lücke der gegnerischen Abwehr. Weit kommt er nicht: Ein Gegenspieler rammt Simon mit einem kräftigen Bodycheck auf den nassen Rasen. Knacks. Der grüne PVC-Stab liegt zerbrochen auf dem Spielfeld. „Oh nein, Besenbruch!“, ruft Simon. Die Hannover Nifflers sind die einzige Mannschaft in Hannover, die die aus „Harry Potter“ bekannte Sportart Quidditch spielt. Und langsam, aber sicher gehen dem Team die leicht zerbrechlichen Stangen aus.

Vor etwa zwölf Jahren haben sportliche „Harry Potter“-Fans Quidditch in die echte Welt geholt – also zu den Muggels, wie die Menschen ohne Zauberkräfte heißen. Statt auf Luxusbesen wie Harrys Nimbus 2000 durch die Luft zu fliegen, verwenden die Spieler (sieben pro Mannschaft) einfache Plastikstöcke. Die Jäger eines Teams holen Punkte, indem sie den Ball namens Quaffel in einen der drei gegnerischen Ringe werfen, die am Ende des Spielfelds wie Tore aufgebaut sind und von den Hütern gedeckt werden. Ein Treffer gibt zehn Punkte. So weit eine gewöhnliche Ballsportart also, abgesehen von den Stöcken zwischen den Beinen. Gestört werden die Jäger von Treibern wie Simon. Der wirft wie beim Völkerball die gegnerischen Angreifer mit dem Klatscher genannten Ball ab. Als Strafe müssen sie dann zurück „fliegen“ und einen der drei eigenen Torringe abklatschen.

Abwehrhaltung: Hüter und Treiber verteidigen die Tore. Foto: Heidrich

Ab Minute 18 ändert sich die Partie radikal – der goldene Schnatz kommt ins Spiel. In den Büchern ist das ein schwebender und extrem flinker Ball, den die Sucher fangen müssen, um das Spiel zu beenden. Wegen fehlender Zauberkräfte ist der Schnatz in der Muggel-Version ein Tennisball, den ein neutraler Spieler in einer Socke am Hosenbund trägt. Er wirbelt auf dem Spielfeld viel schneller umher als die Spieler auf ihren Stangen. Ist der Schnatz erobert, erhält die Mannschaft, die ihn gefangen hat, 30 Punkte zusätzlich zu den Punkten der Jäger, und das Spiel ist beendet – sofern es keinen Punktgleichstand gibt. In dem Fall geht es in die Verlängerung.

Während des ruppigen Abschlussspiels im Training der Nifflers wird klar: Quidditch ist eine Mischung aus Rugby, Völker- und Handball – und es ist taktisch anspruchsvoll. Auch wenn es zunächst etwas merkwürdig aussieht, wenn Erwachsene mit Plastikstöcken zwischen den Beinen über den Platz hopsen. Bei genauerem Hinsehen wird die Härte des Sports sichtbar. Wie bei Simon, 37 Jahre alt: Seine Kleidung ist voller Grasflecken und wegen der vielen Tacklings trägt er sicherheitshalber einen Zahnschutz. Wie in den Romanen spielen beide Geschlechter zusammen, im Team der Nifflers treten genauso viele Frauen wie Männer an, alle zwischen Anfang 20 und Ende 30.

Auf dem Feld geht es ruppig zu: Die Spieler landen oft auf dem Boden. Foto: Heidrich

Um bei den verschiedenen Spielertypen nicht den Überblick zu verlieren, kennzeichnen im Training Stirnbänder die Spielerpositionen der Nifflers. Und nicht nur die Positionen, auch die verschiedenen Bälle – Klatscher, Quaffel und natürlich der goldene Schnatz – sorgen am Anfang oft für Irritationen.

Das üppige Regelwerk hat auch Rebecca Ernst zunächst verwirrt. Seit der Gründung der Nifflers im vergangenen Jahr ist sie dabei. Mit ihrem schwarz-grünen Slytherin-Schal beobachtet die 24-Jährige wegen eines lädierten Fußes das Training heute nur von außen. Für sie war der Besuch der Quidditch-WM in Frankfurt im vergangenen Sommer ein Höhepunkt.

Ein Sport mit Ligen und WM

Die Weltmeisterschaft zeigt, dass die Sportart langsam beliebter wird: 21 Länder kämpften um den Titel, den Sieg holten die Australier. In Deutschland gibt es mittlerweile 26 Teams in sechs regionalen Ligen. Die Nifflers aus Hannover treten in der Norddeutschen Quidditch-Liga an, die 2016 gegründet wurde und von den Hamburg Werewolves angeführt wird. „Für mich sind die Hamburger wie die Slytherins, weil sie wie im Original robust und körperbetont spielen“, sagt Rebecca.

Inzwischen wird die noch recht junge Sportart eigenständiger und braucht die „Harry Potter“-Welt immer weniger als Magnet für neue Spieler: Im Team der Nifflers sind nicht alle Spieler zwangsläufig Fans des Zauberers. Simon etwa geht es ausschließlich um den Sport: „Quidditch ist schnell und taktisch“, sagt der Sozialarbeiter, „die Spieler auf dem Feld müssen ständig kommunizieren und konzentriert bleiben.“

Besensponsor gesucht

Im ersten Punktspiel gegen Bremen im vergangenen Jahr trug Simon noch ein gelbes Stirnband und war der Sucher der Nifflers, nicht wie heute Treiber. „Für uns Normalsterbliche ist der Schnatz aber genauso kompliziert zu fangen wie für die Zauberer“, sagt er. Anfangs durfte der Spieler mit dem Schnatz noch überall hinlaufen, stieg manchmal sogar in Busse ein und fuhr davon. So dauerte ein Spiel dann gern mal länger. Heute grenzen die Regeln den Radius für den Schnatz ein – er darf das ovale Spielfeld nicht verlassen. Für die menschlichen Sucher ohne Zauberkräfte bleibt er dennoch unberechenbar und kann sogar den Spielern die Besen wegziehen – wie im Roman. „Fliegen können die menschlichen Quidditch-Spieler hingegen nicht, maximal hinfliegen“, sagt Rebecca.

Und manchmal geht dabei ein Stab zu Bruch, so wie der von Simon im Training. Da das Besenlager der Nifflers aber immer weiter schrumpft, steht bei den Hannoveranern die Suche nach einem Sponsor weit oben auf der Liste, bevor der Ligabetrieb im kommenden Jahr wieder beginnt. Für die Sponsoren hat Simon ganz eigene Ansprüche: „Am besten hat der Sponsor eine Gemeinsamkeit mit Kehrbesen“, sagt er, „aber auf den goldenen Schnatz sind wir ja auch scharf. Daher wäre Goldschmuck auch okay.“

Von Tom Solbrig

Acht Fakten über Harry Potters Lieblingssportart


Das Zauberer-Schulbuch „Quidditch im Wandel der Zeiten“ taucht nicht nur in den „Harry Potter“-Romanen auf. J. K. Rowling hat es tatsächlich herausgebracht und klärt Muggel über den Besensport auf. Acht Fakten zu Quidditch:

Flugfähige Besen wurden schon im Jahre 962 nach Christus von Hexen und Zauberern benutzt.

Der Rekord für das längste Spiel liegt bei drei Monaten. Der Schnatz war mit einem Zauber belegt, der dafür sorgte, dass er sich möglichst lange nicht fangen ließ.
Nur dreieinhalb Sekunden dauerte hingegen das kürzeste Quidditch-Spiel aller Zeiten.

Über 700 verschiedene Quidditch-Fouls sind in den Unterlagen der Abteilung für magische Spiele und Sportarten aufgezeichnet.

Der berühmte goldene Schnatz war früher ein kleiner, goldener Vogel namens Schnatzer, welcher heute vom Aussterben bedroht ist und deshalb durch die goldene Metallkugel ersetzt wurde.

13 Mannschaften gibt es in der Quidditch-Liga Irlands und Großbritanniens, welche jährlich um den Ligapokal spielt.

Die Mannschaft „Chudley Cannons“ änderte ihren Wahlspruch „Wir werden siegen!“ zu „Drücken wir mal die Daumen und hoffen das Beste“, nachdem sie 80 Jahre in Folge verloren hatte.

1473 wurde die erste Quidditch-Weltmeisterschaft ausgetragen.

Von Anna Neela Urban

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ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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