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So war mein Erasmusjahr in Marokko

So war mein Erasmusjahr in Marokko
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Keine Lust auf typische Erasmus-Länder: Luisa hat ein Jahr in Marokko studiert. Ein Bericht aus einem Leben zwischen Uni, Partys und Demonstrationen.


Meine WG in Marokko heißt „Haus Times Square“ – und genauso trubelig wie in der Mitte New Yorks geht es hier auch zu. Meine beiden Mitbewohner, ein Marokkaner und ein Holländer, und ich laden oft Freunde ein und feiern ausgelassene Partys auf der Dachterrasse.
Italien, Frankreich oder Spanien – im Erasmus-Semester kann man vor allem eine Gruppe Menschen kennenlernen: andere deutsche Erasmus-Studierende. Auf diese Erasmus-Blase hatte ich keine Lust. Als ich herausfand, dass mein Institut für Politikwissenschaften an der Freien Universität in Berlin eine Partnerschaft mit einer Uni in Marokko hat, bewarb ich mich um einen Studienplatz. Ich hatte Bedenken, ob ich nachts alleine durch die Straßen Marokkos gehen könnte, stellte mir die Einwohner aber auch sehr gastfreundlich vor.
Von unserer WG „Haus Times Square“ in Marokko und den vielen Freunden, die hier ein- und ausgehen, ist der Hauswart schockiert. Der konservative, alte Mann, der im Erdgeschoss lebt, versteht nicht, wie zwei Männer und eine Frau als Wohngemeinschaft zusammenleben können – noch dazu unverheiratet. Denn hier ist es normal, dass Männer und Frauen bei ihren Eltern leben, bis sie verheiratet sind. Einmal beobachtet er vom Dach aus, wie unsere Partygäste in Planschbecken baden. Er soll danach so verstört gewesen sein, dass er der Vermieterin erzählte, das sei das Schlimmste gewesen, was er je im Leben gesehen hatte.

Studierende mit reichen Eltern

Hier studierte Luisa: Die "Ecole de Gouverance et d'Economie".

Hier studierte Luisa: Die Ecole de Gouverance et d’Economie.

Studenten-WGs gibt es in Marokko nur sehr wenige. Wer nicht bei seinen Eltern lebt, wohnt in streng nach Geschlechtern getrennten Wohnheimen. Außerdem gibt es dort strikte Öffnungszeiten: Ab 23 Uhr bleibt der Eingang verschlossen und niemand kommt mehr von draußen in sein Zimmer.
Mein Studium beginne ich an der Ecole de Gouvernance et d’Economie in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, die direkt am Atlantik liegt. In der Altstadt gibt es enge Gassen, durch die Motorradfahrer brausen. Viele Menschen, die durch die Straßen laufen, tragen lange Gewänder, die Djellaba genannt werden. Die Landschaft rund um die Stadt ist karg. Rabat, in dem etwa so viele Menschen wie in Hannover leben, ist ruhig und überschaubar. Auch das Institut, an dem ich studiere, ist mit seinen vier Stockwerken und den 250 Studierenden übersichtlich. Viele Studenten haben reiche Eltern, die sich Studiengebühren an der privaten Uni leisten können.
Marokkanische Universitäten sind sehr geprägt vom französischen Bildungssystem, ein Relikt des Kolonialismus. Auch wenn im großen Hörsaal kein Bild von Emmanuel Macron, sondern vom marokkanischen König Mohammed VI. hängt, unterrichten die meisten Professoren ihren Frontalunterricht auf Französisch. Kurse über Nordafrika und den Nahen Osten lassen mein Herz als Politikwissenschaftlerin höherschlagen. Mein Lieblingsdozent ist ein Historiker, der uns die Geschichte des politischen Islams vom Propheten Mohammed bis zu Marokkos König Mohammed VI. erklärt – ohne Notizzettel, mit allen Jahreszahlen im Kopf.

Mensa schließt im Ramadan

Auf dem Gewürzmarkt: Luisa spricht Arabisch verhandlungssicher.

Auf dem Gewürzmarkt: Luisa spricht Arabisch verhandlungssicher.

In Marokko ist der Islam Staatsreligion. An der Uni gibt es für die gläubigen Studenten einen Gebetsraum. Fünfmal am Tag hallt der Ruf zum Gebet aus den Lautsprechern der Moscheen. Alkohol gibt es nur in wenigen Bars und in Fachgeschäften. Während des Ramadans bleiben die Bars und auch meine Mensa geschlossen.
An islamischen Feiertagen muss ich nicht zur Uni. Weil diese anhand des Mondkalenders bestimmt werden, ist oft erst kurzfristig klar, ob die Uni am Donnerstag oder Freitag ausfällt. Die politisch interessierten jungen Menschen, die ich in Rabat kennenlerne, haben aber andere Prioritäten als religiöse Feiertage. Sie nehmen mich mit auf Demos gegen staatliche Willkür und protestieren dagegen, dass junge Akademiker kaum Arbeit nach dem Studium finden. Manche von ihnen sind schwul oder lesbisch und leiden darunter, dass Homosexualität gesetzlich unter Strafe steht und gesellschaftlich kaum akzeptiert ist.
Denn so liberal Marokkos König sich gerne nach außen präsentiert, so autoritär ist das Land in vielen Dingen. Sechs Jahre nach dem Arabischen Frühling und der Verfassungsreform sind meine marokkanischen Bekannten ernüchtert. Sie demonstrieren noch immer für mehr Demokratie.
Häufig werde ich von deutschen Freunden gefragt, wie das Leben als Frau in einem arabischen Land sei. Dass sie zuerst daran denken, macht mich traurig. In Marokko pfeifen mir zwar Männer hinterher oder rufen „How are you?“. Das nervt, aber nach einer Weile ignoriere ich es einfach. Nachts nehme ich lieber ein Taxi, statt alleine durch die Straßen zu laufen. Insgesamt fühle ich mich aber ähnlich sicher wie in Deutschland.
In meinem Umfeld fühle ich mich sehr frei. Nach der Uni gehe ich mit anderen Studenten oft zu einem der vielen Festivals oder Jam Sessions in Rabat. Wenn jemand ein Auto hat, verbringen wir einen Nachmittag am Strand. Züge und Busse sind günstig. Am Wochenende fahren wir oft in eine andere Stadt. Dort trinke ich mit Freunden süßen Minztee, das marokkanische Nationalgetränk, in Straßencafés.
In den ersten Wochen in dem für mich fremden Land verknotet sich mein Gehirn regelmäßig wegen der vielen Sprachen, die mich umgeben. Mit den anderen Austauschstudenten spreche ich größtenteils Englisch. Viele meiner Kurse sind auf Französisch. Außerdem lerne ich Standardarabisch und marokkanisches Arabisch. Das unterscheidet sich vom Standardarabisch so sehr wie ostfriesisches Plattdeutsch vom Hochdeutsch einer Tagesschau-Sprecherin. Auf Märkten ordere ich meinen Einkauf bald nur noch auf Arabisch – am Ende des Jahres weiß ich, wie sämtliche Gewürz- und Gemüsesorten auf Arabisch heißen.

Kein Selfie mit dem Schafbock

Einen richtigen Kulturschock erlebe ich aber doch noch. Eine Freundin lädt mich ein, mit ihr und ihrer Familie für ein paar Tage das Opferfest zu feiern. Bei dem höchsten muslimischen Feiertag wird traditionell ein Tier geschlachtet. Die Familie der Freundin hat sich einen Schafbock gekauft, der im leeren Swimmingpool im Garten auf seinen Tod wartet. Als die Freundin mich fragt, ob ich nicht ein Selfie mit dem Schafbock kurz vor der Schächtung machen möchte, lehne ich dankend ab.

Von Luisa Meyer

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ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

2 Kommentare

  1. Dritte-Welt-Tourismus mit Ethno-Kitsch Erfahrungen. Albern. Statt den Leuten zu erzählen, wie schrecklich es für das Tier ist, geschächtet zu werden, willst Du ein Selfie machen? Einfach nur dumm!

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  2. sorry, aber wie dumm und herzlos muss man sein, um ein Selfi von einem Tier zu machen, das gleich geschächtet wird. Widerwärtiger Aritkel, Verherrlichung von irgendwelchen dummen Buschvölkern. Kotz!

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