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„Unsere Liebe ist wie ein Segway: nicht cool“

„Unsere Liebe ist wie ein Segway: nicht cool“
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Hannover wird Poesie-Hauptstadt: Zum ersten Mal werden die deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften hier ausgetragen. Ein Blick in die lokale Szene.

„Ähm“ ist nach „Hallo“ grundsätzlich das zweite Wort, das Johannes Berger auf der Bühne sagt. Auch hier im Sprengel-Museum wirkt der 22-jährige Poetry-Slammer zunächst eher schüchtern und unscheinbar. Blass, blond und mit Streberbrille hält er sich die ersten Minuten am Mikrofon fest. Aber schon nach wenigen Sätzen verschwinden die „ähms“ aus seinem Redefluss, er nimmt seinen Zettel in die Hand und gewinnt mit seiner Textankündigung schon die ersten Lacher: „Ich habe einen weiteren Beitrag aus der Reihe ‚Johannes Berger wundert sich über die Liebe‘ mitgebracht. Es geht um Beziehungspausen.“

Ähm“ ist nach „Hallo“ grundsätzlich das zweite Wort, das Johannes Berger auf der Bühne sagt. Auch hier im Sprengel-Museum wirkt der 22-jährige Poetry-Slammer zunächst eher schüchtern und unscheinbar. Blass, blond und mit Streberbrille hält er sich die ersten Minuten am Mikrofon fest. Aber schon nach wenigen Sätzen verschwinden die „ähms“ aus seinem Redefluss, er nimmt seinen Zettel in die Hand und gewinnt mit seiner Textankündigung schon die ersten Lacher: „Ich habe einen weiteren Beitrag aus der Reihe ‚Johannes Berger wundert sich über die Liebe‘ mitgebracht. Es geht um Beziehungspausen.“

München war Vorreiterstadt

Wie es sich anfühlt, den Titel zu holen, weiß Johannes aber ohnehin schon: Vor drei Jahren gewann er die deutschen U20-Meisterschaften in Berlin. Seinen ersten Auftritt hatte er 2012, als er noch zur Schule ging – und wollte damit eigentlich nur einer Freundin beweisen, dass er so etwas auch kann. Damals lebte er noch in der deutschen Vorreiterstadt des Poetry-Slams: In München fand im Februar 1996 der erste Slam Deutschlands statt. Gut 20 Jahre zuvor war die Kunstform in den USA entstanden. Heute, nach mehr als 40 Jahren, ist Poetry-Slam mittlerweile Mainstream geworden.

Vor drei Jahren zog Johannes dann für sein Jazz-Bratschen-Studium nach Hannover. Er fühlt sich wohl hier, auch in der Slam-Szene. Er bezeichnet sie gerne liebevoll als eine große Familie – oder gar als eine Sekte. Wenn sie auch auf der Bühne um die Gunst des Publikums konkurriert, im Backstage-Bereich lägen sich alle in den Armen und seien ein bunt zusammengewürfelter Freundeskreis.

Da ist zum Beispiel der 30-jährige Tobias Kunze, der Hannovers Szene von Anfang an mitgestaltet hat und heute von Auftritten, Workshops und der Organisation von Slams leben kann. Oder die Produktmanagerin Julia Ustinski, für die Poetry-Slams im Moment mehr ein Ausgleich zu ihrem Berufsleben seien. Erfolgreich ist die 29-Jährige trotzdem: Beim Kick-off-Slam im Sprengel-Museum räumt sie den ersten Platz ab. Oder Ninia LaGrande, die man von ihrer RTL-Show „Ninias Fashion Mag“ oder von ihrem Modeblog kennt.

Die Organisation der Meisterschaften wird die hannoversche Szene sicher noch enger zusammenschweißen. „Die Meisterschaft nach Hannover zu holen, war nicht so schwer“, sagt Henning Chadde, Organisator von Hannovers größter Slam-Reihe „Macht Worte!“. „Die Szene hier hat in Deutschland einen guten Ruf.“ Mindestens einmal in der Woche kann man irgendwo in Hannover Slam-Poetry oder Live-Literatur sehen. Sei es bei der Lesebühne „Nachtbarden“ im Theater am Küchengarten, auf Johannes Bergers „Jazz‘n Poetry“ im Kulturzentrum Faust oder beim meist ausverkauften Poetry-Slam in der Staatsoper.

Was Berger an der hannoverschen Szene besonders gefällt, ist, dass sie sehr offen für Neulinge ist: „Es ist viel leichter reinzukommen als zum Beispiel in der Musikszene.“ Er muss es wissen: Mit seinem Rap-Duo Natürlich Blond und seiner Bratschen-Rap-Band Yunus tritt Berger auch als Musiker auf. Die viele Bühnenerfahrung merkt man ihm an. Routiniert unterhält er vor und während seines Textvortrags das Publikum und spielt selbstbewusst mit seinem jugendlichen Aussehen.

Es muss nicht alles wahr sein

In Bergers WG-Zimmer in der Nordstadt zeugen skurrile Preise von seinen Slam-Erfolgen – und der Kreativität der Szene: Da ist etwa eine goldfarbene Sardinendose oder auch ein Leonardo-DiCaprio-Porträt. Hier, im musikalisch-kreativen Chaos zwischen Notenständer, Zettelbergen und Musikinstrumenten, schreibt er auch seine Texte. Darin erzählt er auch viel Persönliches. Mit Ironie und Wortwitz kommentiert er zum Beispiel Szenen aus seinem Liebesleben: „Unsere Liebe ist wie ein Segway: Nicht cool! Sie ist wie mein Fahrrad: kaputt!“ Nicht jede seiner Geschichten ist aber genau so passiert. „Ich bin gar nicht so spannend, mir passiert nicht jeden Tag der geile Scheiß.“ Deshalb spinnt er manchmal auch reale Situationen weiter und überspitzt sie.

Durch seine Poesie kommt Berger viel in Deutschland herum und hat schon verschiedene Szenen kennengelernt. Hannover schneide dabei im Vergleich nicht schlecht ab, wie auch Henning Chadde stolz erzählt: „Das ,Zeit-Magazin‘ hat Hannover als drittlebendigste Poetry-Szene nach Hamburg und Berlin genannt.“ Das liegt wohl vor allem an der bunten Alterszusammensetzung und der Vielfalt der Persönlichkeiten – oder wie Berger es formuliert: „Wir sind wie so verschiedene Typen aus einem Comic.“

Tickets für die deutschen Slam-Meisterschaften gibt’s unter www.macht-worte.com und für das Finale unter tickets.haz.de.

Von Jacqueline Niewolik

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

1 Kommentar

  1. Schon mal Rezessison gelesen? Alles doppelt und dreifach.

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