Advertisement

Select Page

Warum Arbeiterkinder wie ich so großen Respekt vor der Uni haben

Warum Arbeiterkinder wie ich so großen Respekt vor der Uni haben

Als ich meiner Mutter mein Bacherlorzeugnis gezeigt habe, hat sie geweint: Sie hätte nie gedacht, dass ich es als Arbeiterkind an der Uni schaffen würde. Das macht mich traurig. Denn es bräuchte nicht viel, damit sich viel mehr Leute wie ich trauen würden, als erste aus der Familie zu studieren. Was wir nicht brauchen: eure dummen Vorurteile.


Ich wohne nicht in düsteren Plattenbauten, über denen der Himmel immer grau ist. Und vor meiner Haustür stehen keine Drogen dealenden Möchtegern-Gangsta-Rapper in Baggy-Jeans und Picaldi-Pulli. Höchstens ein paar ausgebüxte Kühe. Doch das passt wohl nicht ins Bild, das viele meiner Kommilitonen von der „bildungsfernen Schicht“ haben, über die in jedem zweiten Soziologieseminar philosophiert wird. Damit sind Personen gemeint, die nur wenig Bildung und somit wenig Geld haben – und damit schlechte Karriereaussichten. Personen wie ich.

Dabei sieht meine Realität ganz anders aus. Okay, meine Mutter und mein Bruder haben nur einen Hauptschulabschluss und mein Vater ist noch davor sogar von der Schule geflogen. Wir hatten oft kein Geld für neue Klamotten oder Spielsachen und haben kurzzeitig sogar von Sozialhilfe gelebt. Ja, meine Familie und ich sind das, was von Journalisten, sogenannten Bildungsexperten und meinen Profs „bildungsferne Schicht“ genannt wird. Und trotzdem bin ich im Einfamilienhaus meiner Großeltern auf dem Land groß geworden, bin aufs Gymnasium gegangen und zwischen meinen Freunden nicht weiter aufgefallen.

Dennoch haben laut einer Studie des Bildungsministeriums Kinder aus der Oberschicht gegenüber Arbeiterkindern etwa dreimal höhere Chancen, auf ein Gymnasium statt auf die Realschule zu gehen – bei gleichen schulischen Leistungen. An der Uni wird es nicht besser: Nur neun Prozent der Studenten kommen aus einer Familie, deren Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss besitzen.

Wir brauchen keinen Bildungsrollator, sondern Licht im Dunkeln

Mit diesen Zahlen jonglieren Dozenten und wir Studenten in Soziologieseminaren. Die naiven Vorstellungen, wie man als Unterschichtskind wohnt so wohnt, sind dabei noch nicht einmal das Ärgerlichste. Die Dinge, die mich wirklich wütend machen, kommen bei Diskussionsrunden wie „Was könnte zur Verringerung der bildungsfernen Schicht beitragen?“ auf den Tisch. Die besten Ideen haben die Studenten mit Club Mate vor der Nase und einer Bio-Reiswaffel in der Hand. Mama und Papa sind Akademiker, man selbst war ein halbes Jahr in Südamerika und hat auf einer Bio-Farm die Welt verbessert. Bei Sätzen wie „Die haben ja kaum eine Chance bei dem Elternhaus“ runzle ich höchstens die Stirn. Aber bei „Die Kinder sollten auch nach dem Unterricht weiter gefördert werden“ gehe ich an die Decke. Sag doch gleich, dass wir alle dümmer sind als ihr! Auch Bildungsministerin Johanna Wanka hat über dieses Thema laut nachgedacht: Sie will Hochschulen für die bildungsferne Schicht öffnen und dafür die Eingangsvoraussetzungen hinabsetzen. Das ist zwar nett gemeint, aber falsch gedacht: In meinen Ohren klingt das wie „Naja, die schaffen es auf normalem Weg halt nicht.“

Dabei brauchen wir keinen Bildungsrollator, um in die Uni zu kommen. Wir brauchen jemanden, der das Straßenlicht auf unserem Weg durch die deutsche Bildungslandschaft anknipst. Denn wir sind nicht blöd, unser Problem ist vielmehr der Weg ins Unbekannte. Das kann schon die Busfahrt ins 30 Kilometer entfernte Gymnasium sein – oder eben der Weg in die Uni. Der war für mich echt hart. Ich hatte panische Angst, im nächsten Bildungsabschnitt zu versagen. Niemand in meiner Familie konnte mir sagen, wie das System Uni funktioniert: Muss ich schon vor dem Start beginnen zu lernen? Woher weiß ich, welche Bücher ich lesen muss? Was muss ich wann belegen? „Frag doch mal deine Patentante, die hat einen Realschulabschluss“, riet mir meine Mutter. Vor lauter Panik bewarb ich mich für Ausbildungen, bis mich schließlich mein Politiklehrer zur Seite nahm und mir einschärfte, dass Studieren das Richtige für mich sei.

Arbeiterkinder trauen sich nicht an die Uni

Wie mir geht es vielen Arbeiterkindern: Selbst wenn wir Abitur machen, machen wir wesentlich häufiger eine Ausbildung statt ein Studium – trotz guter Noten. Grund dafür ist häufig mangelndes Selbstbewusstsein – und die Unkenntnis, wie es an der Uni zugeht.

Meine Eltern waren nie gegen ein Studium. Zwar sagte meine Mutter, wenn ich sie mal wieder mit meinen Selbstzweifeln genervt habe, zu mir: „Dann mach eine Ausbildung, da hast du was in der Hand!“ Doch vielmehr stand ich mir selbst im Weg. Den letzten, nötigen Schubs in Richtung Uni haben mir meine Lehrer gegeben. Institutionen wie Arbeiterkind e.V., die Kindern aus Arbeiterhaushalten Hilfestellung beim Weg an die Uni und bei der Finanzierung geben, lernte ich erst an der Uni kennen – zu spät.

Als ich meiner Mutter mein Bachelorzeugnis in die Hand gedrückt habe, hat sie ehrfürchtig über das dicke Papier gestrichen und eine belegte Stimme bekommen. Das hat mir dann die Tränen in die Augen getrieben: Es tut mir leid, dass es für sie etwas so Besonderes, etwas so weit Entferntes von ihrer Lebenswelt ist – das sollte es nicht sein.

Über den Autor

Sarah Seitz

Sarah (22) studiert Politik und Germanistik auf Lehramt und kann sich herrlich über Fußball, Politik und die Welt im Allgemeinen aufregen. Besonders gern auf Papier.

5 Kommentare

  1. Meine Studium ist schon eine Weile her, aber ich kann die Autorin nur bestätigen. Als „Arbeiterkind“ vom Dorf mangelte es mir nicht an Wissen oder Motivation. Es war einfach ein völlig unbekannter Raum und es gab niemanden, den ich fragen konnte, wie es an der Hochschule zuging. Brav hab ich auch erst einmal eine Ausbildung gemacht, um dann schließlich als Erster meiner Familie das Studium zu beginnen.
    Verrückterweise hatte ich mich völlig unbewusst schnell mit Menschen umgeben, denen es genauso ging.
    Heute berate ich Schüler/innen über Ihre späteren Berufsmöglichkeiten und versuche dabei die Angst vor einem Studium zu nehmen

    Antworten
  2. Als Arbeiter-, bzw. Zuwandererkinder haben meine beiden älteren Geschwister und ich studiert. Mein Bruder ist Dipl. Ing. Maschinenbauer, meine Schwester Produktdesignerin und ich bin Wirtschaftsjurist mit einem LL.M. Abschluss und vorheriger kaufmännischer Ausbildung.

    Aufgewachsen sind wir mitten in Hannover, weit weg von Land und Idylle. Unsere Elternteile haben bei keine richtige Schulbildung genossen, das Motto war damals „Arbeiten“! Im Allgemeinen kann ich rückblickend sagen, dass zunächst einmal ein Studium wirklich nicht viel zu heißen hat. Es spielen viele andere Faktoren eine Schlüsselrolle. Das Geld war bei uns generell immer sehr knapp, bzw. hat nicht gereicht. Dies zwang uns dazu, unser Geld in sehr frühen Jahren selbst zu verdienen und den „Überschuss“ in die Familienkasse zu geben.

    Dennoch haben wir einiges den Akademikerkindern voraus, ohne dies pauschalisieren zu wollen. Wir haben viele Werte vermittelt bekommen. Wir haben es gelernt, was es bedeutet teilen zu müssen. Wir kennen das Gefühl zu verlieren um danach wieder zu siegen. Wir hatten das Glück jeden dieser kleinen Siege genießen zu können und diesen als solchen wahrzunehmen. Selbstverständlichkeit ist der „Genickbruch“ einer jeden Entwicklung. Erfolge müssen erarbeitet werden. Nur das Formt einen Menschen. Möglichkeiten müssen auch als solche wahrgenommen werden, und nicht als Selbstverständlichkeit.

    Auch wir wurden teils abgeschrieben, abgestempelt und bemitleidet. Spätestens hier haben u.a. die von mir oben knapp erläuterten Eigenschaften uns geholfen, in keine Abwärtsspirale zu trudeln.

    Gerne würde ich an dieser Stelle noch weiter erzählen, jedoch würde dies vielleicht den Rahmen sprengen. Fakt ist, Arbeiterkinder sind klar benachteiligt, finanziell vor allem. Dennoch bedeutet dies nicht, dass pauschal betrachtet diese Gruppe zu keiner Universitären-Leistung fähig ist.

    Antworten
  3. Totaler Quatsch! Ich bin selbst Arbeiterkind, viele meiner Freunde (die studiert haben) ebenso. Das war nie ein Thema und ist uns nie bewusst gewesen oder geworden. Hier wird wieder ein Thema an den Haaren herbei gezogen, keine Ahnung, warum die Autorin sich hier so interessant machen will. Überflüssiger Artikel.

    Antworten
    • Totaler Quatsch ist dein Kommentar.
      Schön, dass es bei dir nie Thema war – aber lass doch andere über ihre Erfahrungen berichten, ohne sie als Quatsch und überflüssig abzutun. Leben und leben lassen…

      Antworten
  4. Auch bei mir ist das Studium schon ein Weilchen her, mein Antritt war aber auch so. Kurz vor dem Abi verstanden, dass der Wunsch-Studiengang durch ein gutisituiertes Umfeld vereinfacht worden wäre, dann Abi, Ausbildung und danach ein anderes Studium als Kompromiss. Im Ergebnis hat auch alles gepasst, auch wenn ich jetzt darüber nachdenke, das Wunsch-Studium als Senioren-Student zu absolvieren, um mich dann in dem Bereich ehrenamtlich zu engagieren.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Videos

Lade...

Aktuelle News