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Warum es keine Schande ist, das Studienfach zu wechseln

Warum es keine Schande ist, das Studienfach zu wechseln

Nach einem Semester Rechtswissenschaften wusste ich: Ich bin hier falsch. Auch bis ich den Weg zurück in die Uni fand, hat es ein Semester gedauert. Heute weiß ich: Den richtigen Weg nicht auf Anhieb zu finden, ist nicht schlimm. Aber ein Abbruch kostet auch Mut.

Es gibt zwei Wege, um den Fall zu lösen, erklärt uns der Dozent für Strafrecht. Lösungsweg A und Lösungsweg B, wobei beide vollkommen richtig sind. Aber für Lösungsweg A wird es in der Klausur mehr Punkte geben, da dieser allgemein lieber gesehen wird. Aus einem Impuls heraus schnellt mein Arm in die Höhe, und ich will protestieren. Ich bin der Meinung, Lösungsweg B sei der Bessere. Der Dozent weist mich freundlich aber entschieden darauf hin, dass nicht ich das zu entscheiden habe.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich begriff, dass ich den falschen Studiengang gewählt hatte. Anstatt das deutsche Recht zu hinterfragen und zu begreifen, sollte ich Definitionen von Begriffen aus Paragrafen auswendig lernen.

Schon die Wahl des Studiums war mir nicht leichtgefallen. Ich konnte die Frage: „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“, mit 18 Jahren schlicht noch nicht beantworten und war damit kein Einzelfall. Ein Großteil meiner Mitschüler floh vor der Entscheidung, ob und was er studiert erst einmal ins Ausland und machte ein Jahr Work-and-Travel. Manche von ihnen kehrten mit einem Zukunftsplan wieder, andere blieben planlos.

Ein halbes Jahr vor dem Abitur bekam ich in der Schule ein dickes, grünes Buch: den Studienführer für Deutschland. Ich verbrachte Tage damit ihn durchzuarbeiten. 17271 Studiengänge an 444 deutschen Hochschulen stehen, laut der Bundesagentur für Arbeit, dem jungen Abiturienten heute zur Verfügung.  Doch trotz einiger Ideen, die in meinem Kopf umhergeisterten, konnte ich mich nicht entscheiden. Ich fühlte mich, so wie viele meiner Mitschüler auch, im Dschungel der vielen Möglichkeiten alleine gelassen. Das Wichtigste war für mich das Abitur, die Frage nach dem Danach wurde ausgeklammert oder durch wenig aussagekräftige Online-Tests beschwichtigt. Niemand in der Schule erklärte mir, wie ich meine Bewerbung für die Universität richtig ausfüllen sollte. Niemand empfahl mir gute Universitäten. Und niemand sagte mir, wie ich den richtigen Studiengang finden würde.

Schließlich vertraute ich auf den Rat der Berufsberatung vom Arbeitsamt. Deren Botschaft war simpel: Du weißt nicht recht, was du tun sollst? Studiere Rechtswissenschaften! Und das tat ich dann auch. Ganze vier Wochen lang, bis ich erkannte, dass meine Erwartungen an ein Jura-Studium nicht erfüllt wurden. Die Erkenntnis, dass ich meinen Weg immer noch nicht gefunden hatte, war mir vor anderen unangenehm. Dabei gibt es viele junge Studenten, die ihr erstes Studienfach wechseln oder das Studieren sogar endgültig aufgaben. 33 Prozent der Bachelorstudenten an der Universität brachen 2012 ihr Studium ab, wie eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigt. Dennoch haderte ich lange, ob ich hinschmeißen sollte.

Heute weiß ich: Ein zweiter Anlauf erfordert zwar Mut und man erntet den ein oder anderen verständnislosen Blick, aber letztlich ist es die richtige Entscheidung. Das kann ich jedem raten, der so empfindet wie ich damals. Aus den Erfahrungen kann man lernen und Ideen dafür entwickeln, was wirklich zu einem passt. Bei mir hat das funktioniert. Ich entschied mich für ein Studium der Sozialwissenschaften und werde von meinen Dozenten nun darin gefördert, Politik und Gesellschaft zu hinterfragen und begreifen zu wollen. Welchen Beruf ich einmal erlernen werde, kann ich heute noch nicht sagen – das wäre bei Jura einfacher gewesen. Vielleicht werde ich nach meinem Studium wieder ratlos vor vielen Möglichkeiten stehen. Und dennoch bin ich schon alleine mit der Aussicht, etwas zu tun, das mich wirklich interessiert, glücklich.

Nina Hoffmann

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

1 Kommentar

  1. Studieninteressierte, die sich nicht entscheiden können oder generell Orientierung suchen, sind bei uns in der Zentralen Studienberatung (Infothek im ServiceCenter in der Hauptuni) herzliche willkommen! Wir helfen zu diesen und zu vielen anderen Themen gerne weiter!

    http://www.studienberatung.uni-hannover.de/wer-wir-sind

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