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Warum Sexismus auch im Kleinen schlimm ist

Warum Sexismus auch im Kleinen schlimm ist

Durch den Hashtag #metoo ist Sexismus gerade ein Thema – im Alltag wird er oft bagatellisiert. Das muss sich ändern, findet ZiSH-Autorin Sarah Franke.


Ben lernte ich vor sieben Monaten auf einer WG-Party kennen. Ein oder zwei Stunden lang tranken wir mit ein paar anderen Leuten Bier und quatschten. Ben, der eigentlich anders heißt, erzählte mir von seiner Trennung. Ich schwärmte von meinem Freund. Draußen wurde es langsam hell. „Schöner Rucksack“, sagte er zum Abschied, „ich wünschte, da wären eine Zahnbürste und Kondome für mich drin.“

„Der Spruch ist eklig“, sagte ich zu Ben. Keine Ahnung, wie er nach unserem Gespräch auf die Idee kam, dass ich mit ihm hätte schlafen wollen. „War doch witzig gemeint“, antwortete er. Zwinker, zwinker. „War es aber nicht“, rief ich ihm zu, während ich mit meinem Rad davondüste.

Respekt geht anders

Der Hashtag #metoo hat viele ermutigt, ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch, Belästigung und Sexismus zu teilen. Das wurde auch höchste Zeit. Zwar gibt es zwischen sexueller Gewalt und dummen Sprüchen von betrunkenen Männern einen riesigen Unterschied. Schlimm ist aber beides. Dass auch solche Anmachen eine Grenzüberschreitung sein können, scheint bei vielen nicht angekommen zu sein. Durch Bens Spruch fühlte ich mich unwohl und reduziert. Für andere ist so ein Spruch ein blöder Flirtversuch.

Mir ist er damit viel zu nahe getreten. Doch statt sich zu entschuldigen, signalisierte mir Ben, dass ich mich nicht so anstellen soll. Respekt geht echt anders. Im Berufsleben ist klar: Wenn da jemand einen Kollegen oder eine Kollegin völlig ohne Kontext nach Kondomen für gemeinsamen Sex fragen würde, wäre das unprofessionell und übergriffig. Und wenn es wie bei der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli läuft, die Mitte Oktober vom Vorsitzenden eines Forums erst nicht als Rednerin erkannt wurde, weil er sie so „jung und schön“ fand, ist das klar sexistisch.

Auf den ersten Blick wird ihr hier schließlich aufgrund ihres Äußeren keine Kompetenz zugetraut. Im privaten Alltag wird Sexismus häufig bagatellisiert. Das war doch ein Kompliment oder Spaß, heißt es dann. Wer sich wehrt, gilt viel zu oft als zickige Spaßbremse. Das macht mich wahnsinnig wütend. Denn ob etwas harmlos oder übergriffig ist, das entscheide ich – und nicht mein Gegenüber.

Auf kontextlose Flirtversuche wie den von Ben kann ich verzichten. Genauso gut wie auf Hinterhergepfeife, ungefragte Kommentare zu meinem Körper von Fremden oder den Typen, der mir mitten auf der Straße plötzlich an die Brust gegrapscht hat. Die Geschichte über Ben postete ich ein paar Stunden später in der Campus-App Jodel. Ich solle mich doch nicht wundern, dass er mit mir, „einer (hoffentlich) attraktiven Frau“, schlafen wolle, lautete ein Kommentar. Da war es wieder: Zwinker, zwinker. Hab dich doch nicht so. Ist doch ein Kompliment, dass der dich geil findet. Sei doch nicht so empfindlich.

Vielleicht war Ben aber auch einfach zu unempfindlich. Selbst die Zauberformel „Ich habe einen Freund“ hatte ich gesagt – und nicht von einer offenen Beziehung gesprochen. Normalerweise hilft der Freund-Satz immer, wenn ich nachts auf dem Rückweg von einer Party angesprochen werde und schon zweimal „Nee, kein Interesse, mit dir zu quatschen“ gesagt habe. Dass schon ein anderer Mann mit mir zusammen ist, zählt für diese Typen mehr als mein „Nein“.

Grenzen akzeptieren

Alle, die jetzt denken, dass es ja auch grob fahrlässig sei, als Frau im Dunkeln alleine unterwegs zu sein, möchte ich mit hochgezogenen Augenbrauen fragen: Ist das euer Ernst? Diese Denkweise impliziert, dass Frauen ihr Verhalten ändern sollten oder irgendwie halt selber auch ein bisschen schuld sind – was Bullshit ist.

Man sollte über etwas anderes reden, immer und immer wieder. Nämlich, dass es Menschen gibt, die nachts wie am Tage andere Menschen belästigen, angreifen – und ihre persönlichen Grenzen nicht akzeptieren. Die kann man dem Gegenüber natürlich nicht ansehen. Man erfährt sie aber, indem man aufmerksam ist und zuhört. Indem man nicht gleich davon ausgeht, dass jeder Mensch genauso wie man selbst fühlt und Anmachen unter der Gürtellinie mag. Herabwürdigung und Sexismus sind schließlich auch im Kleinen schlimm.

Sarah Franke

Update Sexismus: Hashtag #metoo

Nachdem zahlreiche Schauspielerinnen dem Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuelle Belästigung und sexuellen Missbrauch vorgeworfen hatten, forderte die Schauspielerin Alyssa Milano auf, unter dem Hashtag #metoo beim sozialen Netzwerk Twitter eigene Erfahrungen zu teilen. Knapp 70 000 Menschen antworteten alleine unter ihrem Tweet. Auch in Deutschland berichten viele Nutzer von Sexismus-Erfahrungen.

Als die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) bei einer Podiumsdiskussion eine Rede halten sollte, wurde sie von einem Vorsitzenden nicht erkannt. Er wollte ohne sie beginnen. „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch so schön“, sagte er, als sie sich zu erkennen gab. Diesen Vorfall postete Chebli auf ihrer Facebook-Seite.

Über den Autor

Sarah Franke

Sarah (23) studiert Journalistik. Ihre liebste Textart steht allerdings nicht auf dem Lehrplan: Essays, die genauso gefühlig wie die Deutschpopsongs sind, die sie auf dem Weg zur Hochschule hört.

1 Kommentar

  1. Sexismus ist überall. Und extrem schwer zu definieren. Zumindest für mich als Mann. Also habe ich eine Frau gefragt, was Sexismus ist. Die Antwort: Das, was eine Frau im Umgang mit einem Mann nicht will – und das, was ein Mann zu einer Frau aufgrund ihres Geschlechtes sagt, aber niemals zu einem Mann sagen würden. Akzeptiert. Ich habe mir als Folge der #metoo-Diskussion abgewöhnt, einer Frau gegenüber Komplimente über ihr Aussehen, ihre neue Frisur, ihre Kleidung oder ihre Schuhe zu machen. Mache ich bei Männern ja auch nicht. Ich lade auch keine Frau mehr auf ein Getränk oder gar zu einem Abendessen ein, wo ich dann die Rechnung übernehmen. Ich zahle, weil sieeine Frau ist? Das ist er wieder, der kleine Sexismus. Ich halte einer Frau auch nicht mehr die Tür auf, gewähre ihr den Vortritt, vermeide es, mit einer Frau alleine im Fahrstuhl zu sein oder biete ihr in der Straßenbahn meinen Sitzplatz an. Früher habe ich bei Dunkelheit, wenn ich mich einige Meter hinter einer Frau gehe, den Abstand größer werden lassen, um ihr das Gefühl der Bedrohung zu nehmen. Das mache ich bei einem Mann nicht – jetzt also auch bei einer Frau nicht mehr. Denn wenn ich das doch noch machen würde, weil ich in ihr „die Frau“ sehe und nicht einen gleichberechtigten Menschen, ist das nach o. g. Definition Sexismus – wenn auch nur „im Kleinen“. Ich werde also versuchen, jede Frau wie einen Mann zu behandeln. Und wenn mich eine Frau um Hilfe bittet, weil sie eine Frau ist, etwa beim Öffnen einer Sektflasche oder beim Reifenwechsel – sorry, das wäre ja wieder der Alltags-Sexismus (Frauen sind schwach, Männer wechseln den Reifen). Damit verliere ich zwar manche spannende Situation, etwa dieses Prickeln, wenn ich eine Frau neu kennenlerne, aber es ist eindeutig gesünder, auf Abstand zu gehen.

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