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Was ich auf meiner Interrail-Reise gelernt habe

Was ich auf meiner Interrail-Reise gelernt habe

Für 255 Euro durch Europa: ZiSH-Autorin Ronja Wirts berichtet von den sieben Dingen, die sie auf ihrer 30-tägigen Interrail-Reise gelernt hat.


1. Europa ist nicht so klein, wie man denkt

Einfach in irgendwelche Züge steigen und fremde Länder, wilde Berge sowie romantische Küstengegenden und aufregende Städte entdecken – eine solche Reise klang für meine beste Freundin Clara und mich wie ein Traum. Doch als wir unsere Route ab Hannover über Amsterdam, Paris und Parma nach Venedig, La Spezia und Grünau im Almtal planten, fiel uns auf: Vielleicht hatten wir uns für die paar Wochen zu viel vorgenommen. Allein von Paris bis zur italienischen Grenze brauchten wir aufgrund der langsamen Züge und der mehrstündigen Wartezeiten schon einen kompletten Tag.

2. Bequeme Sachen werden wichtiger als gutes Aussehen

Schlabbrige Stoffhose, T-Shirt und Flip-Flops: So sieht das optimale Interrail-Outfit aus. Schließlich fangen die Jeans spätestens nach ein paar Stunden Zugfahren an zu kneifen. Die perfekte Interrail-Kollektion wird noch durch etwa drei Oberteile, zwei Shorts, eine Regenjacke und Badezeug komplettiert. Mehr ist nicht nötig, denn man kann in Herbergen und Hotels für ein wenig Geld waschen. Meine Sommerkleider nahm ich alle wieder ungetragen mit nach Hause.

Knapp 20 Kilo schleppten Ronja (19, rechts) und ihre beste Freundin Clara zweieinhalb Wochen auf ihrem Rücken durch Europa.

Knapp 20 Kilo schleppten Ronja (19, rechts) und ihre beste Freundin Clara zweieinhalb Wochen auf ihrem Rücken durch Europa. Foto: Wirts

3. Luxus gibt es nur gegen zusätzliche Kosten

In Deutschland ist die Benutzung der Schnellzüge mit im Ticket enthalten – nur eine Reservierung hätte zusätzlich gekostet. Deshalb verzichteten wir darauf und verbrachten prompt den ersten Teil der Reise auf unseren Rucksäcken hockend im überfüllten Gang direkt vor der Zugtoilette. Irgendwann gaben wir selbst diese Plätze an eine ältere Dame ab. In anderen Ländern, vor allem in Italien, Frankreich und Spanien, kosten selbst die Schnellzüge extra. Deshalb fuhren wir oft Bummelbahn. Die brauchen zwar viel länger, doch ihre Routen sind viel abenteuerlicher. Zugegeben: Zwischendurch bangten wir ein bisschen, dass unser Zug liegen bleiben würde. Einmal quälte sich eine Bahn mit solch stöhnenden und ächzenden Geräuschen aus dem Bahnhof der italienischen Stadt Bologna heraus, dass wir schon glaubten, ihn bis zum nächsten Bahnhof schieben zu müssen. Kompliziertere Verbindungen wie von Paris ins italienische Parma waren mit häufigem Umsteigen und langen Wartezeiten verbunden. Die nutzten wir jedoch, um die Orte zu erkunden. So entdeckten wir zum Beispiel die schöne Altstadt des belgischen Antwerpen oder genossen ein spontanes Picknick am Ufer eines italienischen Bergsees.

4. Englisch ist oft ein Fremdwort

Ich fühle mich nicht nur wie eine Deutsche, sondern auch wie eine Europäerin – wie ein Großteil meiner Generation. Sinn der günstigen Interrail-Tickets ist unter anderem, gerade diesen europäischen Geist und den Austausch in Europa zu stärken sowie den Zusammenhalt zu fördern. Diese schöne Idee ist in der Umsetzung schwieriger als gedacht. Wir waren überrascht, für wie viele der Leute, die wir auf unserer Reise trafen, selbst das Wort „English“ immer noch ein Fremdwort ist. So verbrachten wir zum Beispiel zwei Tage in Frankreich auf der Suche nach einer Plastikgabel. Mit Zeichensprache und ein paar Brocken Französisch probierten wir einigen Imbissbesitzern klarzumachen, was wir wollten. Endlich schien man uns zu verstehen: Der Mann nickte lachend und verließ den Raum. Kurz darauf kam er freudestrahlend mit einer Plastiktüte zurück. Wir brachten es nicht übers Herz, sie abzulehnen, und aßen unseren Salat einfach mit Strohhalmen, die wir als Essstäbchen benutzten.

Niemand will hier Englisch sprechen: Paris.

Niemand will hier Englisch sprechen: Paris. Foto: Jad Limcaco/Unsplash

5. Im Schlafsaal erlebt man mehr als im Einzelzimmer

Eine sehr beliebte Option unter Interrailern ist das Reisen mit Nachtzügen. So kann man halbwegs bequem im Schlaf große Strecken zurücklegen. Da dies jedoch sehr teuer sein kann und wir beim Zugfahren gern Landschaften und Städte vorbeifliegen sahen, übernachteten wir in Hostels. Dort schliefen wir in den verführerisch billigen Schlafsälen. Es war zwar eng und oft unangenehm, wenn sich andere Gäste direkt vor unseren Augen umzogen. Doch in den Hostels lernten wir auch Leute aus aller Welt kennen. Und den versäumten Schlaf durch laute Schnarcher unserer Zimmergenossen konnten wir beim Zugfahren nachholen.

6. Abseits der üblichen Pfade findet man auch Anschluss

Ursprünglich wollten wir unsere Reise mit ein paar Party-Nächten und ein bisschen Sonne in Barcelona ausklingen lassen. Doch weil es einen Tag zuvor ein terroristisches Attentat auf der La Rambla gab, suchten wir online spontan nach einem beschaulichen Plätzchen mit Bahnanbindung. Wir landeten schließlich in einem Hostel in der kleinen Gemeinde Grünau im Almtal, mitten in den österreichischen Alpen: Lange Mountanbike-Touren, Lagerfeuer und Kartenspielen statt Städtebesichtigungen und Cocktailbars standen nun auf dem Programm. Die Idylle des kleinen Ortes mit seiner ruhigen Atmosphäre und der wunderschönen Natur begeisterte uns. Vollkommen unbeeinflusst vom Tourismus lernten wir dort den Lebensstil der Leute vor Ort kennen. So erzählte uns zum Beispiel unser Herbergsvater, dass er sich nebenbei auch Kühe hielt – als Hobby und zusätzliche Einkommensquelle.

In seinen kleinen Nebengassen wie eine andere Welt ohne Tourismus: Venedig. Foto: Wirts

In seinen kleinen Nebengassen wie eine andere Welt ohne Tourismus: Venedig.  Foto: Wirts

7. Pünktlichkeit ist Auslegungssache

Am Anfang unserer Interrail-Tour checkten wir ständig nervös unsere Verbindungen und machten uns Sorgen über unsere Anschlusszüge. Es ging nicht immer alles glatt: Züge fielen aus, fuhren gar nicht oder überforderte Bahnmitarbeiter schickten uns in falsche Richtungen. Einmal warteten wir in Paris sogar am falschen Bahnhof und bemerkten dies erst eine Viertelstunde vor Abfahrt. Trotzdem kriegten wir die Bahn noch – auch wenn wir rennen mussten. Von da an wurden wir lockerer. Wir genossen die Zugfahrten, scherzten mit anderen Reisenden und verließen uns einfach auf unser Glück. Einmal verbrachten wir sogar ein paar nächtliche Stunden im Bahnhof. Umgeben von anderen Reisenden, die mit dem Kopf auf ihren Rucksäcken dösten, fühlten wir uns wie auf einer riesigen Übernachtungsparty. Wir lernten, dass es nichts bringt, sich zu stressen. Irgendwie kommt man immer irgendwo an.

Von Ronja Wirts


Das ist der Interrail-Pass

Mit dem Interrail-Ticket können junge Erwachsene bis 27 Jahre bereits seit 1972 durch Europa reisen. Wie lange jeder reisen möchte und wie oft er die Züge nutzen will, bleibt jedem selbst überlassen – und ist abhängig vom Budget. Insgesamt können Reisende das Ticket maximal 30 Tage nutzen. Innerhalb dieser Gültigkeitsdauer kann eine unterschiedliche Anzahl an Reisetagen gebucht werden, an denen der Zug genutzt werden darf.

Auch können Reisende wählen, ob sie ausschließlich ein Land bereisen oder ein Ticket für alle 30 teilnehmenden Länder in Europa erwerben möchten. So kostet ein Pass zwischen 208 und 510 Euro. Außer flexiblen Fahrten bietet der Interrail-Pass weitere Vergünstigungen, etwa für Fähren oder Busse, die das Ticket nicht abdeckt. Einziger Nachtteil: Besonders in Langstrecken- und Nachtzügen sind oft Platzreservierungen erforderlich. Trotz der Einschränkungen ist das Angebot sehr beliebt. Allein 2016 kauften sich über 300 000 Menschen einen Interrail-Pass, um Europa zu bereisen. Von Lea Stratmann

 

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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