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Was ich beim Freiwilligendienst in Israel gelernt habe

Was ich beim Freiwilligendienst in Israel gelernt habe
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Ich bin Katharina Kunert, 19 Jahre alt, und wohne seit November 2016 in Israel. Für zehn Monate bin ich für einen Freiwilligendienst in die Kleinstadt Ramat HaSharon, nördlich von Tel Aviv gezogen. Seitdem lebe ich in einer WG mit zwei anderen deutschen Freiwilligen. Mit ihnen arbeite ich auch gemeinsam im Kfar Ofarim, einer Einrichtung für Menschen mit Autismus.

1. Warum zeigt Ihre Maschinenpistole auf mich?

Ja, richtig gehört – in Israel ist es nicht ungewöhnlich, in einem Bus mit schwer bewaffnete Soldaten zu sitzen. Dabei kann es vorkommen, dass der Lauf einer (hoffentlich gesicherten) Maschinenpistole auf mein Bein oder meinen Fuß zeigt. So ziemlich alle meine gleichaltrigen israelischen Bekannten sind gerade in der Armee. Drei Jahre Wehrpflicht gibt es für Männer und zwei Jahre für Frauen. Die matschgrüne Farbe ihrer Anzüge dominiert das Straßenbild. Während ich mich anfangs noch von den Bewaffneten fernhielt, wundere ich mich heute eher, wenn ich keinen Soldaten sehe.

Militär ist Alltag: In Israel dominieren bewaffnete Soldaten das Straßenbild. Die Geschichte über die Erlebnisse meiner israelischen Freunde während ihres Wehrdienstes haben mir gezeigt: Das sind auch nur Jugendliche wie alle anderen – nur eben in Uniform und mit Maschinengewehr.

2. Pünktlichkeit ist relativ

Der Satz „Ich hole dich um 8 Uhr ab“ bedeutet scheinbar für viele Israelis: „Um halb neun solltest du langsam anfangen, dich fertig zu machen. Ich komme dann irgendwann.“ Pünktlichkeit wird, nun ja, etwas anders verstanden. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich an den Bruch der deutschesten aller Tugenden zu gewöhnen: Nach einigen Malen versehentlicher Pünktlichkeit habe ich es ein wenig mit dem Integrationswillen übertrieben: Ich war immer die Letzte.

3. Erdnussflips gehen immer

„Jetzt erst mal Bamba!“ Diesen Satz hörst du hier rund um die Uhr und zu jeder Gelegenheit. Kurz darauf liegen Erdnussflips auf dem Tisch. Bamba werden sie hier genannt. Man ist fest davon überzeugt, dass der Snack aus Israel stammt – so ganz genau lässt sich das aber nicht belegen. Die Israelis und ich sind keine großen Kalorienzähler. Denn 100 Gramm der Nascherei haben stolze 540 Kalorien.

Auf dem Markt von Ramallah in der Nähe von Jerusalem gibt es allerlei Köstlichkeiten.

4. Sonntag ist Ruhetag – oder auch nicht

Wenn mich meine Familie entspannt und ausgeschlafen am Sonntagnachmittag anruft, sitze ich bei der Arbeit. Sonntag heißt auf Hebräisch Iom Rishon – „der erste Tag“. Sprich: Sonntag ist der israelische Montag. Auch nach sechs Monaten in Israel wundere ich mich noch, dass keiner meiner deutschen Freunde auf meine Party-Sprachnachrichten in einer Donnerstagnacht antwortet. Dafür liege ich schon im Bett, wenn meine daheimgebliebenen Freunde am Sonnabend vorglühen.

5. Was ist das für 1 Feiertag?

Ständig werden zu bestimmten Feiertagen kollektive Trauer oder Freude verordnet. An besonderen Tagen, wie dem Holocaust-Gedenktag, erschallen im ganzen Land Sirenen und dann steht alles für eine Minute still. Einige Menschen beginnen, wie auf Knopfdruck zu weinen. Dann gibt es Feiertage, da wissen nicht einmal die Israelis, was nun eigentlich gefeiert wird – und ob man nun traurig sein sollte oder froh. Wie ein Arbeitskollege so schön sagte: „Entweder haben wir mal einen Krieg gewonnen oder verloren. In beiden Fällen gibt’s gutes Essen.“

6. Kein Bier unter 4 (Euro)

Und selbst das ist leider noch billig hierzulande. Geht man auf dem beliebten Rothschild-Boulevard in Tel Aviv in eine Bar, kostet das Bier dort um die 30 Shekel – umgerechnet sind das fast 8 Euro. Im Supermarkt ungefähr kostet eine Flasche in der Regel 4 Euro

Teures Vergnügen: Die israelische Biermarke Goldstar ist hier sehr beliebt – kostet aber stolze 4 Euro.

7. Cofix – Retter der Party-Nächte und Geldbörsen

Die Filialen der israelischen Coffeeshop-Kette Cofix sprießen nur so aus dem Boden. Der Grund: ihr Motto „Fresh Coffee, Fixed Price“. Von Kaffee über Nudeln bis zu Ladegeräten gibt es im Ein-Euro-Shop der Imbisse alles, was es überall sonst in Israel nur zu galaktischen Preisen zu kaufen gibt. Und so ist an den Wochenenden in der Party-Hauptstadt Tel Aviv die Cofix-Bar für viele die erste Anlaufstelle, bevor es in die Clubs geht.

Statt Kiosk: In der Cofix-Bar gibt es von Kaffee bis Nudeln alles.

8. Vokale sind übrbwrtt

Wer sich dafür entscheidet, die Landessprache Hebräisch zu lernen, dem wird die Freude zuteil, ein komplett neues Alphabet zu lernen. Erste Hürde ist es, sich das Lesen von rechts nach links anzugewöhnen. Zweite Hürde: das „Fröhliches Vokaleraten“. Die fehlenden Vokale in der hebräischen Schrift werden fast nur in Kinderbüchern mit der entsprechenden Punktierung für Leseanfänger deutlich gemacht. Wer hingegen die Zeitung lesen möchte, muss das Vokabular schon kennen, um die richtigen Vokale einzufügen – und das Wort erkennen zu können.

9. Arm raus, Geldbeutel rein

Trampen ist in Deutschland dank diverser Online-Mitfahrzentralen und günstigen Fernbussen vom Aussterben bedroht. Das ist hier anders: Stellt man sich lange genug an eine Straße, hält früher oder später ein Auto. Wichtig: Den Mitnahmewunsch zeigt man hier nicht mit herausgestrecktem Daumen, sondern dem ganzen, lässig hängenden Arm. Deine Bezahlung für die kostenlose Autofahrt sind die Geschichten, die du dem Fahrer zu erzählen hast.

Günstig reisen: Beim Trampen hat man fast immer Glück. Deine Bezahlung für die kostenlose Autofahrt sind die Geschichten, die du zu erzählen hast – und spannende Diskussionen, die dem Fahrer trotz Müdigkeit die Augen offen halten. Als trampendes Mädchen wird man allerdings nicht selten vor Autofahrern mit schlechten Absichten gewarnt. In Israel nutzen auch Soldaten diese Fortbewegungsmöglichkeit – und sind klar im Vorteil: Tragen sie ihre Uniform, halten gleich viel mehr Autos.

10. Schwul? (Fast) Kein Ding!

In Tel Aviv muss man keine Gay-Bar betreten, um händchenhaltende Männer zu sehen. Auf ganz normalen Partys treffe ich Menschen, die sich nicht in den Lokalitäten ihrer Queer-Szene verstecken müssen. Leider ist das in Israel nicht die Regel: Für viele orthodoxe Juden ist Homosexualität eine Schande. In Jerusalem ist an so eine offene Auslebung der Sexualität nicht zu denken. Darum zieht Tel Aviv als westlich geprägte Stadt Menschen aus dem ganzen Land an.

 

Nach dem Abi an der Goetheschule nach Israel: Katharina Kunert hat sich gut eingelebt – und die typisch deutsche Pünktlichkeit abgelegt.

11. Shit – Schabbat!

Nichts geht mehr – dieser Satz beschreibt am besten den wöchentlichen Schabbat. Der jüdische Tag beginnt abends und endet am darauffolgenden Abend. Der Schabbat, der letzte Tag der Woche, beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend. Währenddessen haben alle Läden und koscheren Restaurants (z.B. Cofix) geschlossen, und die Busse fahren nicht mehr. Wer es zu Schabbat-Beginn sträflicherweise noch wagen sollte, sich in der Stadt zu befinden, hat dann eben Pech gehabt. Freunde mit Wohnungen in der Innenstadt müssen dann schon mal als Auffanglager für Schabbat-Gestrandete dienen.

12. Taxi! Taxi?! Taxi?

Taxis werden in Israel mit einer praktischen App bestellt, die allerdings hauptsächlich anzeigt, dass alle Taxis in deiner Nähe besetzt sind. Darum stellt man sich ganz klassisch an die Straße und wartet. Hält dann ein Taxi geht’s erst richtig los: Manchmal muss man den Fahrer buchstäblich anbetteln, damit er einen nach Hause fährt. Ist ihm der Weg zu weit, hast du eben Pech gehabt. Umso größer ist dann aber auch der Stolz endlich auf dem Rücksitz der gefühlten Prinzessinen-Kutsche zu sitzen – da ist der hohe Preis dann fast unerheblich.

 

Religiöse Stätte: Die Klagemauer in Jerusalem.

13. Ich bin eine Party-Attraktion!

Als Deutsche steht man auf Hauspartys schnell im Mittelpunkt. Das liegt zum einen an der interessierten Art der Israelis. Viele von ihnen haben selbst deutsche Vorfahren. Was uns zum nächsten Grund für die Aufmerksamkeit führt: Diese Vorfahren sind meist im Holocaust umgekommen. Die anderen machen sich einen makaberen Spaß daraus, mit Holocaust-Witzen meine Reaktion zu testen. Die richtige Umgangsweise damit habe ich auch nach einem halben Jahr nicht herausfinden können. Das „Spiel“ endet meistens in großem Gelächter und beschwichtigenden Worten.

14. Ich bin unschuldig!

Automatisch, ohne darüber nachzudenken, setze ich meine Tasche ab und zeige den gesamten Inhalt den Sicherheitskräften. Das ist nicht etwa die Beschreibung einer Flughafenkontrolle. In Israel kannst du kein Kino, kein Einkaufszentrum, keinen Bahnhof betreten ohne dass es eine Taschenkontrolle gibt. Nach sechs Monaten ist man nicht mehr so nervös, wie am Anfang, wo man quasi mit jeder Bewegung pantomimisch versucht einen Satz herauszuschreien: Ich bin unschuldig!

Katharina Kunert


No-Gos in Israel

Schulter- und kniefrei durch die Jerusalemer Altstadt gehen: Muslime, orthodoxe Juden und Christen fühlen sich von unverhüllten Knien und Schultern provoziert. In jüdisch-orthodoxen Vierteln kann man in diesem Aufzug sogar angespuckt werden.

In der Westbank auf Hebräisch grüßen: Viele Teile des Westjordanlandes sind von Israel besetztes Gebiet – Hebräisch als Besatzungssprache ist nicht gerade beliebt bei den Palästinensern.

Mit Kleingeld bezahlen: Die Währung in Israel sind Schekel, ihre Untereinheit sind die Agorot. Ein Schekel sind umgerechnet etwa 25 Cent, mit Agorot kommt man also nicht weit. Außer im Bus kann man damit fast nirgendwo zahlen – und selbst dort hängt es von Gnade und Geduld der Busfahrer ab.

Daumen raus beim Trampen: Der ausgestreckte Daumen am Straßenrand ist in Israel das Erkennungszeichen von Prostituierten, die Autofahrer so auf sich aufmerksam machen. Also besser nicht nachmachen.

kat

Über den Autor

Karsten Röhrbein

Karsten leitet die ZiSH-Redaktion der HAZ. Hier im Blog kümmert er sich vor allem um die Koordination, Themenbesprechung und was sonst so anfällt.

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