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Was wir in unserem Erasmus-Semester über Europa gelernt haben

Was wir in unserem Erasmus-Semester über Europa gelernt haben
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In vielen Ländern wird über die Zukunft Europas gestritten. Dabei profitieren besonders Erasmus-Studenten von der Einigkeit: Unsere fünf Autoren berichten von der Arbeitslosigkeit in Spanien, langen Nächten in Polen und wie sich Frankreich nach den Anschlägen in Paris verändert hat.


Zukunftssorgen im Urlaubsland

Dora Volke war ein Semester in Valencia.

Nachdem ich in der Uni ein Referat über die hohe Arbeitslosigkeit in Spanien gehalten hatte, dachte ich, ich wüsste, wie es den Menschen dort geht. Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise während meines Erasmus-Semesters in Valencia dann selbst zu sehen war aber etwas ganz anderes.
Dort habe ich mit drei Spanierinnen zusammen gewohnt und die Frustration bei der Jobsuche hautnah miterlebt. Unzählige ergebnislose Bewerbungen und zahlreiche Überbrückungsjobs sind keine Seltenheit. Nach ihrem Studium müssen viele noch eine Zusatzausbildung beginnen, weil sie keine Arbeit finden. Deshalb wollen auch so viele Spanier nach Deutschland. Hier hoffen sie auf bessere Arbeitschancen.
Natürlich ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit nicht ständig Thema, aber die Zukunftsangst ist überall zu spüren. Dass Spanier die Möglichkeit haben, in Deutschland nach Arbeit zu suchen, ist super – nicht nur, weil hier die Arbeitskräfte fehlen, sondern auch, weil viele junge Spanier sehr hart für eine bessere Zukunft arbeiten. Die EU ist dabei ihre beste Chance. Und letztlich auch meine – um Probleme zu verstehen, reicht ein Referat nämlich nicht.

Von Dora Volke

Unsere Generation ist „europaverwöhnt“

Eigentlich dachte ich, dass ich mich in Europa auskenne – bis ich einen Erasmus-Platz in Polen bekam. Von unserem östlichen Nachbarn wusste ich nichts – bis auf die üblichen Klischees über Autodiebstähle.
In Breslau wurde ich offen von den polnischen Studis empfangen, sie zeigten mir sofort ihr Leben – was aus vielen Feiern und noch viel härterer Arbeit besteht.
Breslau entwickelt sich seit etwa zehn Jahren sehr schnell. Die Polen arbeiten hart für wenig Geld. Sogar im Urlaub: Einige Studenten haben in Norwegen das Land bereist und nebenbei Häuser gestrichen. Die Wirtschaft boomt, doch die jungen Leute wollen raus aus dem Land. Die Löhne sind mickrig, es gibt viele Arbeitslose. Sie würden gern in Deutschland arbeiten, auch wenn einige glauben, dass wir durch die vielen Flüchtlinge unsere Wirtschaft kaputt machen. Oft saßen wir abends zusammen und haben uns über Europa unterhalten, als ob wir im gleichen Land leben. Wir sind „europaverwöhnt“. Wir finden es selbstverständlich, in anderen Ländern zu arbeiten und zu leben. Unsere Generation weiß eben nicht mehr, wie es früher war. Dafür wissen wir, wer wir inzwischen sind: Europäer.

Von Lea Schöning 
(aufgezeichnet von Sarah Seitz)

Grenzenfrei und vereint

Als ich im Sommer 2015 in Ungarn ankam, sah ich neben den schönen Altbauten von Szeged auch viele Geflüchtete in der Stadt. Nur eine Woche später riss der Strom von Menschen ab – Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hatte den Grenzzaun schließen lassen.
Szeged liegt im Süden Ungarns, nahe der serbischen und rumänischen Grenze. Ich hatte in Berichten Ehemaliger von dem starken Zusammenhalt der Erasmus-Studierenden gelesen. Und verbrachte meine Zeit in Ungarn eher mit anderen Auslandsstudis als mit Einheimischen. Mit zwei davon habe ich eine WG gegründet. Der Vermieter freute sich – Deutsche haben dort den Ruf, zahlungskräftig und ordentlich zu sein. Viele Ungarn haben Vorurteile gegenüber Ausländern und bleiben lieber unter sich. Die Abgrenzungspolitik von Orbán bestärkt das leider. Ich habe Ungarn als sehr gastfreundliches Land erlebt mit eigener Kultur. Dazu gehören etwa die Thermalbäder oder Fischsuppen- oder Wein-Festivals. Dann treffen sich die Ungarn und kochen und essen auf den Straßen. Zusammen leben sie frei und gemeinschaftlich – eine wichtige Basis für ein vereintes Europa.

Von Malte Bertram 
(aufgezeichnet von Theresa Kruse)

Gelassenheit und Wahlverdruss

Franzosen sind unfreundlich, beharren auf ihrer Landessprache und in der Normandie regnet es ständig – so die Klischees. Ich dagegen habe in meinem Erasmus-Semester in Rouen in Frankreich aufgeschlossene Menschen kennengelernt, die sich über ihre schlechten Fremdsprachenkenntnisse geärgert haben. Und was das Wetter betrifft – als Hannoveranerin bin ich abgehärtet.
Meine französische WG hat mir gezeigt, was „Savoir-vivre“ bedeutet – nämlich zu wissen, wie es sich gut und gelassen lebt. Dazu zählen leckeres Essen und eine entspannte Zeiteinteilung. Die französische Haltung zur Politik ist allerdings weniger entspannt. Ich kenne viele, die so frustriert sind, dass sie nicht einmal an der anstehenden Präsidentschaftswahl teilnehmen wollen. Lediglich der EU stehen sie optimistischer gegenüber.
Mittlerweile ist Rouen mein zweites Zuhause. Und das versteht sich nicht von selbst. Nach den Anschlägen in Paris wollte ich über Weihnachten nach Hause fahren und bin dabei in eine Grenzkontrolle geraten. Erst da habe ich verstanden, dass wir es als viel zu selbstverständlich hinnehmen, dass uns Europa so leicht zugänglich ist.

Von Corinna Lüdecke 
(aufgezeichnet von Nina Hoffmann)


Wie ein Erasmus-Student Deutschland sieht

Nach meiner ersten Vorlesung in Deutschland war ich verwirrt: Anstatt zu klatschen, pochten die Studenten auf die Tische. Das kenne ich aus meiner Heimat-Uni in Lausanne in der Schweiz überhaupt nicht. Und nicht nur das ist anders als in Lausanne. Praxis und Theorie sind im deutschen Medizinstudium viel stärker vermischt. Hannover gefällt mir, weil es nicht so viele Hügel gibt. Man kommt überall mit dem Fahrrad hin – das ist in der Schweiz anders. Die Erasmus-Tutoren kümmern sich gut um uns ausländische Studenten. Dennoch haben wir noch wenig Kontakt zu deutschen Studenten. Das finde ich schade. Ich bin ja hier, um Deutsch zu sprechen und auch die Deutschen kennenzulernen. Aber um jemanden anzusprechen, muss ich viel Mut aufbringen. Und dass jemand mich anspricht, kommt eher selten vor. Mir selber ist es früher aber auch nie leichtgefallen, auf Leute zuzugehen. Das habe ich hier geändert. Wenn man sich vorstellt und selber die Initiative ergreift, sind alle sehr nett und es ist echt cool. Eigentlich unterscheiden sich die Deutschen nicht groß von den Schweizern: Wenn man sie das erste Mal trifft, sind sie eher kühl und distanziert, wenn man sie kennt, sehr herzlich und offen. Obwohl wir uns nicht stark unterscheiden, würde ich niemals sagen: Ich bin Europäerin. Das hat sich auch durch Erasmus nicht geändert. Erasmus mach ich, um mein Deutsch zu verbessern, ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen und meine Perspektive zu erweitern – und wenn es erst mal nur das Klopfen im Vorlesungssaal ist.

Von Dang Chau 
(aufgezeichnet von Jacqueline Niewolik)

 

 

 

 


Das ist Erasmus

1987 wurde das Erasmus-Programm von der Europäischen Union ins Leben gerufen, um Studenten durch den Aufenthalt an Hochschulen im Ausland bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Sie haben die Möglichkeit, zwischen drei und zwölf Monate an einer ausländischen Universität zu studieren oder ein Praktikum im Ausland zu machen. 2014 wurde das Programm in „Erasmus +“ umbenannt und mit einem Budget von 14,8 Milliarden Euro bis 2020 aufgestockt.
Wer als Erasmus-Student an eine ausländische Universität gehen will, muss dort keine Studiengebühren zahlen und kann sogar monatlich mit bis zu 500 Euro gefördert werden. Um Fördermittel beantragen zu können, sollte man allerdings bereits mindestens zwei Semester in Deutschland studiert haben.
Die Bewerbung für einen Erasmus-Platz läuft über die eigene Fakultät. Dort werden freie Plätze an den verschiedenen Universitäten im Ausland bekannt gegeben. Wer sich für ein Erasmus-Semester interessiert, sollte sich allerdings frühzeitig informieren: Wer einen Platz im Wintersemester 2017/18 haben oder im Sommersemester 2018 möchte, muss sich schon diesen Winter über das Bewerbungsverfahren seiner Fakultät informieren.

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

3 Kommentare

  1. Glückwunsch zu diesem informativen, launigen Bericht aus der „Erasmus-Welt“! Ich lese gerne mehr davon.

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  2. Hinweis: Die Bevölkerung von Ungarn sind nicht „die Ungarer“, es sind Ungarn. Also müsste es im Beitrag von Malte Bertram heißen: „Viele Ungarn haben Vorurteile gegenüber Ausländern und bleiben lieber unter sich.“

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    • Karsten Röhrbein

      Hallo Katrin, danke für den Hinweis. Wir haben das geändert.

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