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Wenn Oma vergisst

Wenn Oma vergisst

Sophies Oma hat Alzheimer. Als ihre Nachbarin anrief und erzählte, dass sie Oma Elsa orientierungslos an einer Straße gefunden hatte, war Sophie und ihrer Mutter klar: So geht es nicht weiter. Wie es sich anfühlt, wenn sich die Großeltern plötzlich nicht mehr erinnern können.


Mit einem Zischen öffnet sich die Schiebetür vor Sophie (Name geändert) und der Geruch nach Krankenhaus, Desinfektionsmittel und Urin steigt ihr in die Nase. Auch nach fast einem Jahr spürt sie noch immer ein bedrückendes Gefühl in ihrem Bauch, wenn sie das Altenheim betritt, in dem ihre 83-jährige Oma Elsa nun lebt. Allein kann ihre Oma nicht mehr leben, weil sie Alzheimer hat.
Damit ist sie laut einer Erhebung des Bundesministeriums für Gesundheit einer von 700 000 Menschen in Deutschland, bei denen die Krankheit diagnostiziert ist. Sophies Oma hat seit einem Jahr die offizielle Diagnose. Aber wann genau die Krankheit angefangen hat, kann weder Sophie noch ihre Oma sagen. Nach und nach verlieren Alzheimerkranke ihre geistigen Funktionen wie Erinnern, Denken und Orientierung. Das führt letztendlich zu dem Verlust sämtlicher erlernter Fähigkeiten.
Die Krankheit ist ein schleichender Prozess und beginnt meistens mit Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit. So waren es auch bei Elsa anfangs nur Kleinigkeiten, die ab einem gewissen Alter eben ganz normal sein können. Sie vergaß Sachen oder erzählte Dinge mehrmals.
Zu der Zeit lebte Elsa noch allein in ihrem Haus in Bayern. Von Hannover aus konnten Sophie und ihre Mutter nicht kurz vorbeifahren und gucken, ob alles in Ordnung ist. „Wenn ich während eines Telefonats gefragt habe, wie es ihr geht, hat sie immer das Gleiche geantwortet. Es wäre alles in bester Ordnung“, erzählt Sophie. Dass die Krankheit ihre Oma verändert hatte, merkten Sophie und ihre Mutter erst, als alltägliche Dinge zu einem Problem wurden. Bei einem Besuch stand der Wasserkocher geschmolzen auf der Herdplatte, weil sie sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie er funktionierte. Ein anderes Mal fand Sophies Mutter Hunderte Weinflaschen im Keller und Elsa konnte sich nicht daran erinnern, sie bestellt zu haben.

Fotos helfen Betroffenen, sich an Menschen und Dinge zu erinnern.

Fotos helfen Betroffenen, sich an Menschen und Dinge zu erinnern.

Letzter Ausweg: Altenheim

Nachdem eine Nachbarin bei der Mutter anrief, weil sie Elsa orientierungslos an einer Straße gefunden hatte, war klar, dass etwas passieren musste. Zunächst stellte Sophies Mutter eine Pflegekraft ein, die regelmäßig nach Elsa schauen sollte. Aber schon nach ein paar Wochen ließ Elsa die Frau einfach nicht mehr ins Haus, weil sie keine Hilfe wollte. „Meine Oma sagte zu allem immer erst einmal Nein. Sie wollte nicht zum Arzt und auch sonst keine Hilfe“, sagt Sophie. Die Entscheidung, Elsa in ein Heim zu geben, fiel Sophie und ihrer Mutter sehr schwer. Sie hatten Angst, Elsa würde dort sämtliche Lebenslust verlieren. Andererseits konnte sie auch nicht mehr allein leben. Also beschlossen Sophie und ihre Mutter, einen Heimplatz für Oma Elsa in ihrer Nähe zu suchen.
Nachdem der Entschluss feststand, musste Sophies Mutter eine Menge organisieren und viele Formulare ausfüllen. In dieser Zeit war sie sehr gestresst. „Wenn ich schon lange keine Geduld mehr hatte, die gleiche Frage zum sechsten Mal zu beantworten, war Sophie noch immer liebevoll und ruhig“, erzählt Sophies Mutter. Sophie entlastete ihre Mutter, wenn diese zu ausgelaugt war, um genügend Ruhe und Geduld für Oma Elsa zu haben. Sophie sorgte als einziges Enkelkind dafür, dass der Austausch mit ihrer Oma während dieser Stressphase nicht unterging.

Die Angst, vergessen zu werden

Nach ihrem Abitur im letzten Frühjahr ging Sophie für fünf Monate ins Ausland. In dieser Zeit bekam Elsa einen Platz in dem Altenheim. „Ich hatte schreckliche Angst, dass sie mich nicht mehr erkennt“, sagt Sophie. Erst kurz zuvor hatte Oma Elsa die Diagnose Alzheimer erhalten. So weit war die Krankheit aber zum Glück noch nicht fortgeschritten und Elsa erkannte ihr Enkelkind problemlos.
Seit ihrem ersten Besuch versucht Sophie jede Woche zu kommen. Meistens gemeinsam mit ihrer Mutter. Anfangs waren die Besuche anstrengend. Ihre Oma so krank zu sehen und die bedrückende Atmosphäre in dem Heim belasteten Sophie. Mittlerweile hat sie sich an all das gewöhnt – etwas anderes bleibt ihr auch gar nicht übrig. Mit den regelmäßigen Besuchen kam auch das Verantwortungsgefühl. Wenn ihre Mutter ohne sie fahren muss, fühlt Sophie, wie das schlechte Gewissen an ihr nagt. Sie will nicht, dass Elsa denkt, sie würde sie vergessen.

Routine ist bei Besuchen für Alzheimerkranke besonders wichtig.

Routine ist bei Besuchen für Alzheimerkranke besonders wichtig.

Wenn der Charakter verblasst

Die Besuche laufen fast immer gleich ab – Routine ist besonders für Alzheimerkranke wichtig. Sophie und ihre Mutter holen Elsa im Essensbereich ab und gehen auf Elsas Einzelzimmer, trinken Kaffee und essen Kuchen. Manchmal bringt Sophie klassische Musik mit, weil Elsa die früher gern gehört hat. Oder sie schauen gemeinsam Fotos von früher an. „Sophie ist sehr liebevoll und geduldig im Umgang mit ihrer Oma. Sie ist nie genervt oder vergreift sich im Ton“, sagt Sophies Mutter. Wenn sie sich gemeinsam die alten Fotos anschauen, zeigt Sophie immer wieder auf die abgebildeten Personen. „Siehst du, da bin ich und das da bist du.“ Immer wieder erklärt sie Elsa, wie das Bild entstanden ist, vergleicht es mit anderen Fotos, um ihr zu zeigen, dass es die gleichen Personen sind. In solchen Momenten kommen verblasste Erinnerungen oft wieder hoch.
Durch den Verlust ihrer Erinnerungen verändert sich oft auch der Charakter von Alzheimerkranken. „Meine Oma war immer ein Sturkopf. Jetzt sagt sie zu allem Ja und Amen“, sagt Sophie. Zudem war Elsa früher eine leidenschaftliche Malerin. Heute nimmt sie keine Stifte mehr in die Hand. Es tut weh zu sehen, wie viel an diese Krankheit verloren geht. Wenn Sophie in dem kleinen Zimmer sitzt, sieht sie zwar noch ihre Oma, aber ohne ihre Eigenarten – ohne Ecken und Kanten. „Ich würde einfach gern wissen, was in ihrem Kopf vorgeht. Ob da noch etwas von ihrem alten Ich ist“, sagt Sophie.
Obwohl Oma Elsa nie in ein Altenheim ziehen wollte, scheint es ihr dort gut zu gehen. „Sie wirkt, als wäre sie etwas zur Ruhe gekommen“, sagt Sophie. „Es gibt mir ein sicheres Gefühl, dass Oma im Heim ist. Da passt immer jemand auf sie auf“, sagt sie.
Von Sarah Mussil


Das ist Alzheimer

1,3 Millionen Demenzkranke leben derzeit in Deutschland. Zwei Drittel von ihnen sind laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft von Alzheimer betroffen.Alzheimer und Demenz werden oft verwechselt. Demenz beschreibt verschiedene Symptome von unterschiedlichen Gehirnerkrankungen, während Alzheimer eine Gehirnerkrankung und mit 64 Prozent die häufigste ist.
Alzheimer ist eine hirnorganische Erkrankung, bei der allmählich Nervenzellen im Gehirn sterben. Die genauen Ursachen dafür sind noch ungeklärt. Sie zeichnet sich nicht nur durch nachlassende Gedächtnisfähigkeiten aus. Auch Sprachstörungen oder Probleme beim Binden einer Krawatte oder Einparken können Anzeichen sein. Diese Störungen nehmen im Krankheitsverlauf zu und machen ein normales Alltagsleben immer schwieriger, weshalb die Betroffenen Unterstützung brauchen.
Ungefähr 300 000 Neuerkrankungen gibt es jährlich, nur 2 Prozent sind unter 65 Jahren. Derzeit ist Alzheimer nicht heilbar. Medikamente haben nur eine geringe Wirkung auf die Symptome und können das Voranschreiten der Krankheit nicht stoppen.

Von Anna Neela Urban

 

Über den Autor

Karsten Röhrbein

Karsten leitet die ZiSH-Redaktion der HAZ. Hier im Blog kümmert er sich vor allem um die Koordination, Themenbesprechung und was sonst so anfällt.

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