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Warum dumme Sprüche über Geisteswissenschaften nerven

Warum dumme Sprüche über Geisteswissenschaften nerven

Wer eine Geisteswissenschaft studiert, sieht sich immer wieder mit derselben Frage konfrontiert: „Wofür ist das später gut?“ Ist doch total egal. Ein Rant.

„Hey, ich bin Anna. Ich studiere Politikwissenschaft.“ Wenn ich mich jemandem auf diese Weise vorstelle, antwortet mein Gegenüber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit: „Ach echt, und was kannst du dann später damit machen?“ Ich kann diese Frage einfach nicht mehr hören, sage aber meist einfach: „Ich möchte gerne Journalistin werden.“ Mein Gegenüber fragt sofort skeptisch nach: „Aber kannst du nicht besser Bundeskanzlerin werden, wenn du schon Politikwissenschaft studierst?“ Spätestens an diesem Punkt fühle ich mich unwohl, bin genervt und will das Gespräch am liebsten beenden.

Mittlerweile studiere ich Politikwissenschaft im Master, und Szenen wie diese passieren mir ständig. Die Frage „Was kann man später damit machen?“ treibt mich regelmäßig zur Weißglut. Ja, auch mit einem Master in Politikwissenschaft kann man etwas Vernünftiges werden. Und: Nein, ich möchte nicht Bundeskanzlerin werden. Übrigens Angela Merkel hat einen Doktortitel in Physik.

Anfangs habe ich noch alle möglichen Optionen aufgezeigt, die einem ein Politikstudium bietet: Man kann beispielsweise in die Politikberatung gehen, bei einer nicht staatlichen Organisation wie Greenpeace oder Amnesty International arbeiten oder eben sein Glück im Journalismus suchen. Nach unzähligen Erklärungsversuchen bin ich aber mittlerweile einfach nur noch genervt und versuche, mich damit zu retten, dass ich einfach gleich meinen Berufswunsch nenne. Reicht auch.

Es ist nicht so, dass ich mich nicht freue, wenn mich andere Leute nach meinem Studium fragen. Aber zuallererst stellt mein Gegenüber dann meistens die Frage nach dem Mehrwert des Fachs. Was ich nicht verstehe: Warum geht es denn immer nur um Leistung und Verwertbarkeit? Reicht es denn nicht, dass mich das Thema einfach interessiert? Es gibt wichtigere Dinge als einen eindrucksvollen Lebenslauf. Ob mir mein Studium Spaß macht oder worum es darin überhaupt geht, fragt mich nämlich vergleichsweise selten jemand. Diese Fragen würde ich meinem Gegenüber gerne beantworten. Denn dann hätte ich nicht das Gefühl, dass ich mich für die Entscheidung, das zu studieren, was mich persönlich interessiert, rechtfertigen muss.

In der Frage „Was macht man denn später damit?“ schwingt nämlich für mich oft ein Vorwurf mit: Und zwar jener, eine vermeintlich brotlose Kunst zu studieren. Gemeint ist eigentlich: Wer braucht denn bitte noch mehr Geisteswissenschaftler? Die meisten – so lautet das Klischee – werden eh nur Taxifahrer. Diese Argumentation ist völlig absurd. Denn spinnt man sie weiter, wäre die Konsequenz, dass ein ziemlich großer Teil der Fächer, die man an Unis studieren kann, komplett überflüssig ist. Immerhin haben sie ja keine rosigen Jobaussichten.

Natürlich ist mein Studium nicht vergleichbar mit einer Ingenieurswissenschaft. Aber das soll es auch gar nicht sein. Übrigens gibt es auch bei einem Maschinenbaustudium unzählige Möglichkeiten, was man später damit machen kann. Aber da fragt niemand nach, weil für jeden klar ist: Okay, der wird Ingenieur. Aber sind es wirklich nur die Leistung und die damit verbundenen Jobaussichten, die zählen? Das persönliche Interesse am Fach ist mir deutlich wichtiger. Und bevor ich etwas studiere, was mich nicht interessiert, nur um später einen angeblich besseren Job zu haben, beantworte ich lieber noch tausendmal die Frage, was ich mit Politikwissenschaft machen kann – und erkläre, dass ich nicht Bundeskanzlerin werden will.

Von Anna Beckmann

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

5 Kommentare

  1. Ich habe in den 80er Jahren Sozialwissenschaften studiert. Die Vorbehalte waren damals die gleichen. Alle meine Kommilitonen haben troztdem später einen guten Job gefunden. Und mit 30 Jahren Berufserfahrung im Rücken muss ich sagen: Nur mit BWLlern und Ingenieuren läuft nicht viel, denn denen fehlen manchmal gewissen Eigenschaftenen wie Kreativität und Kommunikationstalent. Natürlich nicht allen, aber der Mix ist extrem wichtig. Es ist auch ein Fehler, nur auf fachliche (technische Qualifikation) und gute Noten zu setzen, damit bekommt man vielleicht gute Fachleute, aber niemals kreative Geister, die auch mal etwas gegen den Trend denken und handeln.

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  2. „Heißt im Klartext: Eine der – weiß nicht wieviel – wohl Millionen von Menschen, die schon mit der Studienwahl festlegen, dass sie in ihrem ganzen Leben ihren Lebensunterhalt niemals selbst erarbeiten und immer nur auf Kosten anderer leben werden.“

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  3. Na ja, dann frag mal Taxifahrer wie Stolz sie auf ihr Studium sind. Die Frage welche Fertigkeiten man im Studium erwirbt und wie man die einsetzten kann ist durchaus legitim. Außerdem habe ich beim Kennenlernen von Geisteswissenschaftlern festgestellt, dass sich im Gespräch schnell herausstellt, ob wirkliches Interesse vorliegt und dann hatte ich auch keine Sorge mehr um deren Zukunft.
    Nerven dich die Fragen nicht auch, weil du selbst unsicher bist, was daraus mal wird?

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  4. „Warum dumme Sprüche über Geisteswissenschaften nerven …“ Ich habe eine Geisteswissenschaft studiert: Mathematik. Inwiefern akzeptierst Du Mathematik als Geisteswissenschaft? Wie geht es Dir, wenn jemand mit seiner Abneigung gegen die Mathematik kokettiert? Wie oft hast Du das selbst gemacht? Wie viel Wissenschaftlerin steckt wirklich in Dir? Wer soll Dich alimentieren, wenn Du fertig studiert hast?

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  5. Meine Fächerkombi war Romanistik + Germanistik – zwei ganz wunderbare Fächer, die ich alleseits nur empfehlen kann. Alimentiert habe ich mich nach meinem Studium immer selbst (17 Jahre!), übrigens mit qualiifizierten und gut dotierten Jobs. Das Problem bei Leuten, die solche Fragen stellen, ist, dass sich deren Horizont auch nach ihrem Studium selten erweitert hat. Deshalb stelle ich lieber Geisteswissenschaftler ein.

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