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Ausbildung 4.0: Die neue Azubi-Generation

Ausbildung 4.0: Die neue Azubi-Generation

Die Azubis von heute haben hohe Ansprüche – und die Firmen reagieren. Denn Fachkräfte sind rar. Ein Besuch im neuen Enercity-Ausbildungszentrum.


Wie ein Elektrizitätswerk in Miniaturform sieht der Stromregler aus, an dem Johannes Höpfner (18) werkelt. Der Stromfluss wird dabei von einem Computer aufgezeichnet. Als angehender Elektroniker für Betriebstechnik muss Johannes sich mit Messsoftware auskennen – und das lernt er bei den Stadtwerken in einer ganz besonderen Umgebung – in einem historischen Schalthaus in Herrenhausen. Wo einst Strom für Hannover produziert wurde, ist heute ein Innovationsstandort. Seit Kurzem ist dort auch das Technische Ausbildungszentrum (TAZ) von Enercity untergebracht. Auf 2000 Quadratmetern gibt es modern ausgestattete Metall-, Maschinen- und Elektrowerkstätten. 30 Azubis, die im August gestartet sind, lernen dort gemeinsam mit älteren Auszubildenden wie Johannes. „Mit dem Ausbildungszentrum können wir schnell, flexibel und unabhängig auf Trends und Marktentwicklungen reagieren“, erklärte Enercity-Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz bei der Eröffnung vor einer Woche.

"Mit dem Ausbildungszentrum können wir schnell auf Tremds reagieren": Enercity-Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz (Mitte) mit den angehenden Industriemechanikern Mahmoud Hoballah (links) und Ammar Shebli.

„Mit dem Ausbildungszentrum können wir schnell auf Tremds reagieren“: Enercity-Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz (Mitte) mit den angehenden Industriemechanikern Mahmoud Hoballah (links) und Ammar Shebli.

Azubis wissen, was sie wollen

In neun Werkräumen sind Azubis in kleinen Gruppen eifrig am Schrauben, Feilen und Messen. Die laute Geräuschkulisse kommt nicht nur von ihren Werkzeugen: Die jungen Erwachsenen besprechen ihre Arbeitsergebnisse, helfen sich gegenseitig und reißen gerne mal einen Witz. Gute Laune ist wichtig.

Weil vielerorts Fachkräfte fehlen, haben Schüler oft die Wahl zwischen mehreren Stellen: Unternehmen müssen den Nachwuchs regelrecht umwerben. „Die Zeiten haben sich geändert. Betriebsinhaber müssen heute den Vorstellungen der Azubis gerecht werden“, erklärt Frederick Becker (33) von der Handwerkskammer Hannover. Rund 500 Ausbildungsplätze sind im aktuellen Ausbildungsjahr im Zuständigkeitsbereich der Kammer noch unbesetzt. Die Auszubildenden wissen, dass sie begehrt sind. Und sie wissen, was sie wollen: flache Hierarchien, persönliche Wertschätzung der Arbeit – und manchmal auch Unterstützung bei der Wohnungssuche.

Hohe Ansprüche an seine Ausbildung hat auch Johannes, der bei Enercity im zweiten Ausbildungsjahr ist. Seit einem Praktikum in einer Klinik weiß der heute 18-Jährige, dass er später als Elektroniker arbeiten will. Dass er nun mit moderner Computersoftware lernt, ist auch sein eigenes Verdienst: Die Auszubildenden haben beim Bau des Ausbildungszentrums tatkräftig mitgeholfen. „Die Computer haben wir selbst angeschlossen und auch die Software installiert“, sagt er nicht ohne Stolz.

Während die Messsoftware läuft, werfen die Azubis immer wieder prüfende Blicke in ihre Unterlagen. „Die Verbindung von theoretischen Grundlagen mit praktischen Aufgaben war mir sehr wichtig“, erklärt der ehemalige Realschüler. Seine Erwartungen sind typisch für seine Generation: IT-nah sollte die Ausbildung sein. Ein gutes Image des Betriebs war für ihn auch ein Muss.

Zwölf Frauen, 66 Männer

Sorgsam recherchiert hat auch Jennifer Matt (16), bevor sie ihre Bewerbungen abschickte. Besonders am Herzen lag ihr, dass Frauen und Männer im Ausbildungsbetrieb gleichberechtigt lernen. „Als ich erzählt habe, dass ich eine Elektronikerausbildung machen will, gab es von meinen Freunden schiefe Blicke.“ Doch auch wenn sie mit den anderen weiblichen Azubis im Technikbereich in der Unterzahl ist – auf 66 Männer kommen dort zwölf Frauen – fühlt sie sich nicht als Exotin. „Zwischen Jungs und Mädels wird hier nicht unterschieden“, sagt Jennifer. Ihr war wichtig, das Unternehmen schon vor Ausbildungsbeginn zu sehen. Wie die anderen Bewerber bekam sie deshalb eine Führung samt Kurzfilm.

"Zwischen Jungs und Mädels wird nicht unterschieden: Jennifer Matt macht eine Ausbildung als Elektroniker für Betriebstechnik.

„Zwischen Jungs und Mädels wird nicht unterschieden: Jennifer Matt macht eine Ausbildung als Elektroniker für Betriebstechnik.

Joggen verbindet

Diese Führung hat auch Jonas Imsen überzeugt. Er hatte mehrere Zusagen. Die Entscheidung für die Ausbildung zum Elektroniker für Automatisierungstechnik bei Enercity hat er nicht bereut. Der 17-Jährige ist dafür extra aus Wietze bei Celle hergezogen. „Ich fühle mich zu Hause in Hannover. Im TAZ ist eine starke Gemeinschaft entstanden, ich habe sofort Anschluss gefunden.“ Auch das ist Programm im neuen Ausbildungszentrum. Es gibt dort sogar einen eigenen Fitnessbereich – und freitags gehen alle Azubis zusammen joggen.

Von Jacqueline Hadasch


So werden Azubis in anderen Unternehmen ausgebildet

Eine produktionsnahe Ausbildung will der Reifenhersteller Continental anbieten. Der Automobilzulieferer hat dafür 1997 sein Ausbildungscenter in Stöcken errichtet. Auf 2100 Quadratmetern werden rund 300 Auszubildende und duale Studenten verschiedener Fachrichtungen geschult. Die Ausgestaltung der beruflichen Bildung sei bei Conti im ständigen Wandel, erklärt Stefan Stünkel (52), stellvertretender Leiter des Ausbildungszentrums: „Industrie 4.0 ist der Sammelbegriff für eine rasante technische Entwicklung.“ IT-Kenntnisse seien enorm wichtig, Maschinen hätten immer mehr Fähigkeiten. „An der Schnelllebigkeit der Technik richten wir auch unsere Ausbildungen aus.“ Im Ausbildungscenter lernen Azubis verschiedenster Fachrichtungen wie Mechatronik oder Elektronik ihr Handwerk. Die Ausbildungsgänge sind dabei stark an Contis Vorzeigeprodukt, dem Reifen, orientiert.

Technik und IT: Das Conti-Ausbildungszentrum.

Technik und IT: Das Conti-Ausbildungszentrum.

In der Ricoh Academy nimmt der Nachwuchs des Herstellers digitaler Bürokommunikationssysteme an verschiedenen Schulungen und Lehrgängen teil. Ihr Schulungszentrum hat drei Schulungsräume in Hannover. Die Ausbildung der derzeit 21 Azubis in der Vahrenwalder Straße ist ganz anders aufgebaut als bei Continental oder Enercity: Als IT-Systemelektroniker ist es ihre Aufgabe, den Kunden vor Ort zu helfen – zum Beispiel bei der Installation von Software oder der Reparatur von Drucksystemen. Daher sind sie bereits in der Ausbildung ständig unterwegs. „Uns ist wichtig, dass die Auszubildenden ab dem ersten Tag den richtigen Berufsalltag sehen und beim Kunden sind. Dafür muss man sehr mobil sein“, erzählt Ricoh-Ausbilder Rainer Lüneburg (52). Nur so können die Azubis entscheiden, ob sie den erlernten Job nach der Ausbildung wirklich ausüben möchten.

Schulungen am großen Drucker; Die Ricoh-Academy.

Schulungen am großen Drucker; Die Ricoh-Academy.

Über den Autor

Jacqueline Hadasch

Jacqueline (24) studiert BWL. Das passende Klischee bedient sie aber wenig. Sie schreibt gern über Nachhaltigkeit und geschichtliche Themen und hat eine Vorliebe für Kaffee.

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