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„Auf den letzten Drucker“: So helfen Hannovers Copyshops in der Not

„Auf den letzten Drucker“: So helfen Hannovers Copyshops in der Not

Wenn das Prüfungsamt bald schließt und die Hausarbeit noch gedruckt werden muss, können Copyshops Uni-Leben retten. ZiSH hat die guten Seelen besucht, die Studenten in Notlagen helfen – und manchmal auch Babys wickeln müssen.


Die Erfahrenen

Eigentlich müsste Daniels Bachelorarbeit seit vier Stunden bei seinem Dozenten auf dem Schreibtisch liegen. Doch der 29-jährige BWL-Student hat die Ruhe weg: „Mein Dozent ist eh noch bis 19 Uhr in der Uni.“ Nach neun Semestern, drei Monaten Schreibphase und vier schlaflosen Nächten kann Daniel seine Arbeit nun endlich drucken lassen.

Währenddessen rennt ein Mann an ihm vorbei aus dem Laden. „Halt! Du hast deine Mappe vergessen“, ruft ihm Seyed Sadri hinterher. Sadri ist der Inhaber des Copyshops Copyxx an der Ecke Engelbosteler Damm/Nelkenstraße – und er hilft wo er kann. Dass ein Student auch mal seine Arbeit vergisst, ist nichts Neues für ihn.

In seinem Laden herrscht eine geordnete Unordnung: An den Wänden stapeln sich regenbogenfarbene Papiertürme. Auf den grauen Fliesen stehen die verschiedensten Druck- und Bindemaschinen. Nur die angeregten Unterhaltungen der Studenten übertönen das laute Surren der Geräte. Sadri, ein Mann mit grauem Bart und freundlichen braunen Augen, begrüßt seine Kunden im Minutentakt.

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Mehr als Druckereibetreiber: Seyed Sadri und Ehefrau Frus Haftlang trösten bei ihrer Arbeit auch weinende Männer.

Copyshops sind für viele Studenten die letzte Rettung. Obwohl viele Hausarbeiten mittlerweile nur noch per Mail an den Prof gesendet werden müssen, gibt es dennoch Dozenten, die eine ausgedruckte Arbeit verlangen. Bei Abschlussarbeiten gibt es meist sogar Vorgaben zur Art der Bindung. Die Abgabefrist wird dabei oft bis zum Schluss ausgereizt. Dementsprechend hoch ist der Stress, wenn der heimische Drucker plötzlich ausfällt. Für ganz dringende Fälle bieten einige Shops sogar einen 24-Stunden-Notdienst an, in Hannover zum Beispiel Copy Excellent in der Nordstadt.

In den 20 Jahren, die Seyed Sadri den Druckladen nun schon führt, hat er einiges gesehen: Viele Studenten im Abgabestress und weinende Männer, die mit den Druckprogrammen überfordert waren. Er ist dann nicht nur Copyshop-Inhaber, sondern oft die Rettung in letzter Sekunde. Zum Dank bekommt er dann manchmal auch eine Umarmung. „Meine Frau hat sogar einmal ein Baby gewickelt, während ich die Projektarbeit der gestressten Mutter ausdruckte“, erinnert sich Sadri.

Den Laden führt er gemeinsam mit seiner Frau Frus Haftlang. Das ginge meistens gut, scherzt er. Vor der Zeit des PDF, dessen Erfindung viele Drucke eingespart hat, hatte der Laden vier Mitarbeiter. Heute sind sie nur noch zu zweit.

Früher hat Sadri selber studiert, Soziologie. Das Interesse an diesem Thema hat er bis heute nicht verloren. Gerne wirft er mal einen Blick auf Abschlussarbeiten und unterhält sich mit den Verfassern. „Viele vermuten gar nicht, dass sich ein Copyshop-Inhaber mit so etwas auskennt“, sagt er. Auch deswegen bereitet ihm seine Arbeit noch immer so viel Freude.

Durch langjährige Erfahrung kennt er zudem schon viele Gewohnheiten der Studenten. Wenn jemand eine Drahtbindung haben möchte, studiert er Jura, vermutet Seyed mit einem verschmitzten Lächeln. Die BWLer, so berichtet er, nehmen nämlich meistens lieber Klebebindungen. So wie Daniel, der jetzt endlich – wenn auch mit etwas Verspätung – seine Bachelorarbeit abgeben kann.

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Bianka berät Studis gerne beim Design der Arbeit.

Wo der Drucker Humphrey heißt

Zarah und Humphrey erwarten einen schon am Eingang. Sie können nicht sprechen, schlucken aber eifrig Papier. Denn Zarah und Humphrey sind Drucker. Im kleinen Zwei-Zimmer-Lädchen Top Copy am Schneiderberg hat Mitarbeiterin Bianka jedem der acht Drucker einen Spitznamen gegeben. Auch Ernie, der in der letzten Ecke im Hinterzimmer steht und leise vor sich hin druckt.

Der kleine, unscheinbare Laden nahe der Hauptmensa der Leibniz Universität ist eine der zentralen Anlaufstellen für Studenten. Kurz vor Abgabefrist der Hausarbeiten oder zu Beginn des Semesters, wenn sich viele Studenten ihre gebundenen Semestertexte abholen, kann es ganz schön wuselig zugehen in dem engen Geschäft. Doch Bianka bleibt fast immer freundlich. Denn zu ihrer Kundschaft ist die 40-Jährige genauso herzlich wie zu Zarah und Humphrey. „Besonders Erstis, die noch recht planlos durch die Gegend laufen, brauchen oft Hilfe“, erzählt Bianka.

Häufig kommen die Studienanfänger zu ihr in den Laden, ohne zu wissen, wie der Druck ihrer Arbeit aussehen soll. Dann muss auch die Mitarbeiterin kreativ werden und Farbkombinationen für Einbände vorschlagen, die zum Design passen – damit auch die Dozenten am Ende zufrieden sind.

Oft schuften Studenten auf den letzten Drücker und die ganze Nacht durch, damit die Hausarbeit noch rechtzeitig fertig wird. Nicht selten kommen Verzweifelte erst eine Stunde vor Schließung des Prüfungsamtes völlig aufgelöst in den Copyshop, wo sie Bianka und die anderen Angestellten anflehen, die Arbeit noch rechtzeitig zu drucken. Dann rattern Humphrey, Zarah und die anderen noch einmal leise und spucken die fertigen Arbeiten aus.

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Max, Ernie und Seppel: Jeder Drucker bei Top Copy hat einen eigenen Namen.

Aber nicht jeder Student druckt auf den letzten Drücker: „Natürlich haben wir auch den einen oder anderen Streber, der schon zwei Wochen vorher seine Arbeit drucken lässt“, sagt Bianka. Sehr organisiert seien die Juristen, die trotz Hochbetriebs im Laden penibel ihre Texte auf überflüssige Leerzeichen durchsähen.

Seit 13 Jahren arbeitet die Literaturwissenschaftlerin in dem kleinen Lädchen. Dabei ist es ihr egal, wer seine Arbeit noch gedruckt haben möchte. Von Soziologen über Architekten bis zu Chemikern – Bianka behandelt alle gleich. Mit einem strahlenden Lächeln, einem herzlichen „Du“ oder sogar mit Vornamen werden die Kunden begrüßt. So ist sie nicht nur Angestellte eines Copyshops, sondern auch mal Teilzeitmutti und Seelenklempnerin – immer mit einem offenen Ohr.

Und wenn mal die Gelegenheit besteht, in die verschiedenen Studiengänge einen Einblick zu bekommen, lässt sich Bianka auch gerne mal die Arbeit inhaltlich erklären: „Ich bin immer wieder verblüfft, wie schlau unsere Kundschaft ist. Bei manchen Titeln sehe ich eine Aneinanderreihung von Wörtern, bei denen ich mir nur denke: What the Fuck?“ Ob Angestellte, Studentenmutti oder Psychologin: Langweilig wird es Bianka nie im Copyshop. „Es ist echt spannend, was man hier für Leute trifft“, sagt sie.

Mit Herz und Erdbeerkuchen

Manchmal gibt es sogar Erdbeerkuchen. Wenn Kunden sich dafür bedanken wollen, dass Yildiz Akkus ihren City Copy Shop zwischen Steintor und Ernst-August-Galerie extra für sie früher geöffnet hat, bekommt die sie manchmal kleine Aufmerksamkeiten. Schokolade, Pralinen und manchmal eben auch: Erdbeerkuchen.

Es sind diese Begegnungen, weswegen Akkus ihre Arbeit so schätzt. „Die vielseitigen Gespräche mit Menschen machen meinen Job aus“, sagt die Grafikdesignerin, die über dem Copyshop eine Werbeagentur betreibt. Seit sechs Jahren gibt es den City Copy Shop, der immer wieder skurrile Anfragen bekommt. Einige Kunden wollten sich Mercedes-Stempel machen lassen, wahrscheinlich um damit die Scheckhefte ihrer Autos zu fälschen. Zwielichtige Anfragen lehnt Akkus aber ab.

Es gibt aber auch den peniblen Uni-Professor, der sich bei jedem Druck über jede Kleinigkeiten aufregt – um dann doch immer wieder zu kommen. Gerne erinnert sie sich an den Studenten, dessen kuriose Doktorarbeit nur 17 Seiten lang war. Überhaupt sind es meist Studenten, die in ihrem kleinen Laden anstehen, um ihre Abschlussarbeiten vom City-Copy-Shop-Team drucken zu lassen. Studenten fände sie „ziemlich cool und gut organisiert“, erzählt Akkus – das hört man als Student auch nicht so häufig.

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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