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Das lernt man bei „Schrauben für Studentinnen“

Das lernt man bei „Schrauben für Studentinnen“

Wie sieht ein Automotor eigentlich von innen aus? Und wie wechsele ich Reifen? Das lernen Studentinnen bei einem Kurs auf dem Gelände der Leibniz-Uni – und arbeiten auch selbst mit Schraubenzieher und Drehmomentschlüssel.


Werkzeugkisten stehen zwischen Hebebühnen und Autos herum. Neben einem alten Chevrolet ist ein rostiger Land Rover mit offener Motorhaube abgestellt. In einem unscheinbaren Gebäude auf dem Gelände der Leibniz-Universität in der Nordstadt verbirgt sich ein kleines Mechanikerparadies. Die Gruppe, die heute in Blaumännern einen Wagen nach dem anderen inspiziert, fremdelt noch ein wenig mit Schraubenziehern und Drehmomentschlüsseln. Denn die zehn jungen Frauen, die beim  kostenlosen Workshop „Schrauben für Studentinnen“ mitmachen, haben mit Automechanik eigentlich nichts am Hut. An drei Nachmittagen können sich die Kfz-Laien Grundkenntnisse in Sachen Autoreparatur aneignen.

Den Workshop bietet die Akademische Gruppe für Kraftfahrwesen (AKAKRAFT e.V.) seit 2010 einmal pro Semester an. In dem Verein treffen sich aktuelle und ehemalige Studenten unterschiedlichster Fachrichtungen, die eine Liebe zu Autos teilen, und tauschen sich aus. Die Halle stellt die Leibniz-Uni zur Verfügung. Dort haben die Vereinsmitglieder Hebebühnen, Platz und reichlich Werkzeug, um an Autos zu tüfteln.

Von Motoröl bis Autobatterie

Im Blaumann: Lea wirft einen Blick unter die Motorhaube eines Land Rover. Foto: Carlotta Hartmann

Der Workshop startet immer mit einem Blick unter die Motorhaube. So genau hat noch kaum eine der Teilnehmerinnen ihren Wagen inspiziert, auch die 20-jährige Tiermedizinstudentin Lea Eglin nicht. Wo war noch mal das Öl, wo die Batterie?  „Es gibt keine blöden Fragen“, betont Jan Simon. Der Maschinenbaustudent ist passionierter Autoschrauber und gibt seit drei Jahren ehrenamtlich den Workshop. Sein Kollege Christian Seefisch und er beantworten alle Fragen und erklären den Aufbau eines Autos. Die Studenten machen den jungen Frauen Mut – schließlich sollen sie  später auch am Auto schrauben.

Dass sich Frauen oft immer noch vor technischen Berufen scheuen, belegen etwa die Zahlen zu Studentinnen und weiblichen Azubis in diesen Bereichen. Nur 5 Prozent der Azubis zum Kfz-Mechatroniker in den Betrieben der Kfz-Innung Niedersachsen-Mitte sind Frauen. Ähnlich ist es im Studium: Von derzeit 3466 Studenten an der Fakultät für Maschinenbau der Leibniz-Universität sind nur 482 weiblich.

Der Workshop „Schrauben für Studentinnen“ soll den Frauen zeigen, dass sie sich mehr zutrauen können. „Im Verein sind wir hauptsächlich Männer“, sagt Jan. „Für Frauen ist die Hürde deshalb umso höher, sich zu uns zu gesellen.“ Im Workshop sollen junge Frauen sich ohne Scheu beim Schrauben ausprobieren.

2014 wurde das ungewöhnliche Projekt vom Hochschulbüro für Chancengleichheit prämiert: Es bekam eine Sonderauszeichnung beim Ilse-Ter-Meer-Preis – weil Jan und seine Mitstreiter mit den Frauenkursen einen Beitrag für Chancengleichheit und Diversität leisten. Von den 1000 Euro Preisgeld hat die Akademische Gruppe für Kraftfahrwesen den Motor angeschafft, an dem Lea und die anderen  Studentinnen nun herumschrauben.

„So viel krasse Mechanik!“

So sieht der von innen aus: Jan und Christian zeigen den Studentinnen den Motor. Foto: Carlotta Hartmann

Dass sich Frauen sehr wohl für Technik und Autos begeistern können, beweisen die zehn Kursteilnehmerinnen. Egal, ob sie Biomedizintechnik, Zahn- und Tiermedizin oder Lehramt studieren – alle wollen genauer wissen, wie ein Auto funktioniert.

Auch wenn Fiona Osterwald schon immer gerne handwerklich gearbeitet hat  – zum Schrauben an Autos ist die Lehramtsstudentin für Geschichte und Englisch noch nicht gekommen. „Ich fange mir immer komische Blicke ein, wenn mein alter Fiat überhitzt und losröhrt“, sagt die 23-Jährige. „Das Problem selbst in Angriff zu nehmen und am Auto herumzuschrauben, hätte ich mich aber trotzdem nie getraut.“

Ein eigenes Auto besitzen aber längst nicht alle Kursteilnehmerinnen. „Die Idee, an einem Auto zu basteln, finde ich trotzdem spannend“, erzählt Lea, während sich die Gruppe unter einer Hebebühne versammelt, um sich einen Audi A8 von unten anzuschauen. „Manches hinterfragt man einfach nicht, wenn man im Auto sitzt und fährt“, sagt die 20-Jährige. „Wie die Schaltung genau funktioniert, zum Beispiel.“

Kurz darauf dürfen die Studentinnen selbst ran: Sie sollen den Motor auseinanderbauen. „Reifen gewechselt habe ich schon mal, aber an einem Motor herumgeschraubt noch nie“, sagt Lea aufgeregt. Besonders beeindruckt ist sie, als der offene Motor an eine Batterie angeschlossen wird und sie die Nockenwelle mit Kipphebeln in Bewegung sehen kann. „Mir war vorher gar nicht bewusst, wie viel krasse Mechanik in so einem Auto steckt“, meint sie fasziniert.

Mehr Selbstbewusstsein

Unter der Hebebühne: Kursleiter Christian erklärt den Studentinnen, wie ein Auto konstruiert ist. Foto: Carlotta Hartmann

Öl wechseln, Reifenprofil und Batterie kontrollieren: Das alles sollte man vor einer längeren Fahrt im Winter erledigen. „Das kann man alles super easy selber machen“, sagt Jan. „Man kann ruhig am Auto Hand anlegen, ohne das gleich etwas kaputt geht.“ Für einen richtigen Reifenwechsel bleibt beim letzten Kurstermin keine Zeit. „Ihr könnt nächste Woche wiederkommen“, bieten die beiden Kursleiter  an. „Ich bin eh fast jeden Tag hier“, sagt Jan, der zur Zeit an seinem alten Chevrolet tüftelt. „Es wird laut und dreckig, aber ich freue mich über jede Hilfe und Gesellschaft.“

Wiederkommen wollen Lea und Fiona auf jeden Fall. Als der frisch zusammengebaute Motor anspringt, holt Fiona ihr Handy raus, um zu filmen. „Das glaubt mir doch sonst keiner“, sagt sie und lacht. Auch Lea nimmt viel mit. „Ich verstehe den Aufbau vom Auto nun viel besser“, erzählt sie. „Und ich traue mir jetzt auf jeden Fall mehr zu.“

Auch wenn sie künftig nicht jede Panne selbst beheben werden: Die Teilnehmerinnen sind sich einig, dass sie ab jetzt mit mehr Selbstbewusstsein in die Fachwerkstatt gehen. „Als Frau bekommt man dort oft blöde Witze zu hören“, sagt Fiona. „Jetzt fühle ich mich nicht mehr so aufgeschmissen, wenn ich mein Auto reparieren lasse. Immerhin habe ich schon mal einen Motor auseinandergebaut.“

Mit einem Klischee wollen die Studentinnen noch brechen. Im Nebenraum der Werkstatt haben sie einen Fotokalender mit Frauen im Bikini entdeckt. Zum Abschied schenken sie den Veranstaltern einen Ersatz: Der neue Autokalender bekommt einen Ehrenplatz im Aufenthaltsraum und soll dort männliche und weibliche Schrauber begeistern.

Von Carlotta Hartmann


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ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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