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„Ich möchte kein Studenten-Öko-Rapper sein“

„Ich möchte kein Studenten-Öko-Rapper sein“

Starke Texte mit jeder Menge Satire: Dafür steht Alligatoah. Wir haben mit ihm über sein neues Album, Schimpfwörter im Deutschrap und Doppelmoral gesprochen.


Hallo Lukas, dein neues Album ist diesen Herbst erschienen. Darin beweist du in „Meine Hoe“, dass man sich auch im Deutschrap gegen die Betrachtung von Frauen als reine Objekte starkmachen kann. Gleichzeitig verwendest du das Wort „Hoe“, zu Deutsch „Nutte“, als Stilmittel. Sind Beleidigungen und Schimpfworte im Deutschrap ein Muss, um gehört zu werden?
Ich weiß nicht, ob das ein Muss ist. Aber in meiner Musik ist das ein Muss. Ich habe mich immer für Kraftausdrücke starkgemacht und bin immer für Fäkalhumor zu haben. Wenn man das in meiner Musik rauskürzen würde, könnte man den Eindruck bekommen, ich wäre so eine Art Studenten-Öko-Rapper. Das ist eine Sparte, in die ich auf gar keinen Fall möchte. Ich bin rapmäßig mit Aggro Berlin und Bushido sozialisiert worden. Ich habe einfach ein Herz für harte Texte und eine harte Stimmung. Ich bin aber halt kein harter Typ. Ich habe andere Geschichten zu erzählen. Gerade deshalb finde ich es spannend, Gefühle aus verschiedenen Welten in einem Song zu verbinden. So ein lustiges, heiteres Thema eben mit einer härteren Sprache zu kombinieren.

Du möchtest also kein Studenten-Öko-Rapper sein. Was macht denn einen solchen Rapper aus?
Ja, das ist so ein Vorurteil – das muss ich einräumen. Damit will ich niemanden diskreditieren. Aber in der Zeit, in der ich begonnen habe, Rap zu hören, da hat man sich über Rapper lustig gemacht, die Sandalen tragen, aus Stuttgart kommen und irgendwas über Liebe rappen. Und halt so klug sprechen und sauber vor allem, dass man das auch im Fernsehen zeigen kann. Davon möchte ich mich einfach abgrenzen.

Rechtfertigt denn dein satirischer Rap Ausdrücke wie „Hoe“? Denn wenn man kleinlich ist, zählt so etwas als Slutshaming: Männer greifen Frauen für ihr offenes Sexualverhalten oder ihre Kleidung an und reden ihnen Schamgefühle dafür ein.
Ich glaube erst einmal, dass Satire alles darf – außer eine Rechtfertigung zu sein. Man darf nicht in diesen Rhythmus verfallen, dass man alles raushaut, Menschen beleidigt und dann einfach sagt, das sei Satire. Damit macht man es sich zu einfach. Das ist mehr so ein pubertärer Mechanismus, darauf zu zeigen, dass die Menschen ja zu blöd sind, schwarzen Humor zu verstehen. Ich glaube, es ist sinnvoll zumindest einen Moment darüber nachzudenken, was man sagt und was man meint. Wenn man sich klar geworden ist, was man meint, ist es wichtig das auf jede noch so fragwürdige Art und Weise sagen zu können.

Kommt am 29. Januar in die Swiss Life Hall: Alligatoah. Foto: Philipp von Ditf

Kommt am 29. Januar in die Swiss Life Hall: Alligatoah. Foto: Philipp von Ditfurth

In „Wo kann man das kaufen“ kritisierst du den Konsumwahn. Deine Premium-Box samt neuem Album gibt es für 40 Euro zu bestellen, vom Konsum bist also auch du abhängig – ist das ein Widerspruch?
Das klingt ja fast nach der Rolex-Diskussion. Es ist klar, dass wir in einer kapitalistischen Welt leben. Ich sage ja immer, dass man den Kapitalismus auch kritisieren darf, ohne in die linke Ecke gestellt zu werden. Ich glaube, dass das oft ein Argument von der anderen Seite ist. Von wegen „ihr seid Doppelmoralisten“. Aber in so einer Welt ist es ja fast gar nicht möglich, völlig losgelöst vom Konsum zu leben.

Du hast auf deinen Alben die Wegwerfmentalität und den Konsum kritisiert – das scheint also ein Thema zu sein, das dir wichtig ist. Versuchst du denn selbst, nachhaltig zu leben?
Ja klar versuche ich das. Aber ich halte mich auch fern davon, ein Vorbild in der Sache zu sein. Und das sagt ja meine Musik auch nicht aus. Ich singe eben nicht über mich selbst, sondern erzähle eine Geschichte von einer fiktiven Figur. Und diese Figur ist natürlich ein Teil der Gesellschaft und auch ein Teil von mir. Gerade in meinem letzten Album habe ich noch stärker auf mich selbst gezeigt. Weil ich eben auch viele kritische Faktoren an mir gesehen habe. Etwa was das Reisen angeht. Wenn man mit dem Flugzeug nach Neuseeland fliegt, hinterlässt man natürlich einen größeren ökologischen Fußabdruck. Aber das sage ich eben auch dazu. Ich will den Leuten nicht mit der Moralkeule kommen.

Muss die Moralkeule denn etwas Schlechtes sein?
Ich glaube, es ist nichts Schlechtes, wird aber oft negativ wahrgenommen. Und dann kommt man eben auch damit nicht weiter. Und ich denke, wenn man effektiv Gedanken anstoßen möchte, dann muss man sich wohl oder übel von der Moralkeule fernhalten.

Du produzierst deine Videos selbst, übernimmst das Schauspielern, textest und singst. Ich liege abends auf dem Sofa und gucke Netflix. Wie kriegst du das alles unter einen Hut?
Ich schaffe es tatsächlich auch neben dem Musizieren und Videosmachen, hin und wieder abends auf dem Sofa zu liegen und Netflix zu gucken. Es ist natürlich so, dass ich für meine Musik und das Drumherum sehr viel Zeit aufbringe, aber auf der anderen Seite ist es auch so, dass ich nichts lieber machen würde. Und das ist der Schlüssel dafür. Denn wenn man eine Sache gerne macht, merkt man gar nicht wirklich, wie viele Anstrengungen dahinterstecken. Das spüre ich erst am Schluss, nach einer langen Phase, wenn ich durchatme und mir denke: „Oh krass, ich habe gerade fünf Monate jeden Tag an diesem Album gearbeitet oder an irgendwas um dieses Album herum, ich glaube, ich brauche mal eine Pause.“

Und sobald du eine Pause brauchst, sparst du ein wenig Arbeitszeit durch ein Musikvideo wie das von „Alli-Alligatoah“, in dem du vierminütige Schwärze im Videoformat präsentierst. Oder war die Idee dazu eher künstlerisch motiviert?
Es ist eine Mischung aus beidem. Ich habe tatsächlich ein bisschen Zeitdruck gehabt in diesem Moment. Als die Entscheidung kam, wir bringen diese Single als erste Auskopplung, da hatte ich eigentlich schon Konzepte für ein anderes Video geschrieben, das zuerst als Single geplant war. Aber dann wurde das spontan gewechselt und ich musste schnell reagieren. Im Hinterkopf hatte ich noch diese Idee, dass ich gerne mal ein Video machen würde, das komplett schwarz ist. Und dann habe ich das eben einfach kombiniert. Die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, haben zuerst die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt, wir könnten das nicht bringen. Die Leute würden sich verarscht fühlen. Am Ende hatten wir Glück und es wurde tatsächlich positiv aufgenommen und am häufigsten von diesem Album geklickt. Was ich schön finde, denn das beweist die rege Fantasie der Leute.

Wie sieht das Video denn in deiner Fantasie aus, wenn du die Augen schließt und deiner Musik lauschst?
Wenn ich das Lied höre und das Video vor meinem inneren Auge abläuft, dann sehe ich eine nordenglische Hügellandschaft im Nebel. Und ich sehe einen Reiter mit bunten Luftballons. Das ist so das Hauptbild. Und in einem anderen Bild sehe ich einen Mann bis zum Bauchnabel in der Erde eingegraben – ebenfalls mit Nebel im Hintergrund.

Gut, dann möchte ich das Interview mit diesem Bild abschließen.
Ja, das ist ein gutes Ende. Von Nina Hoffmann

Alligatoah kommt am 24. Januar 2019 in die Swiss Life Hall. Tickets gibt es im Vorverkauf unter tickets.haz.de für 45 Euro.


Das ist Alligatoah

Hinter dem Pseudonym Alligatoah verbirgt sich der 29-jährige Lukas Strobel, der in Langen bei Cuxhaven aufwuchs und schon in seiner Schulzeit Videos produzierte.

2006 gründete er die Hip-Hop-Band und veröffentlichte sein erstes Album „ATTNTAT“ und das Mixtape „Schlaftabletten, Rotwein Teil I“, an welches er mit den neuen Songs von „Teil V“ anknüpft.

Sein erster Chart­erfolg gelang ihm mit „Willst du“ im Jahr 2013: Das dazugehörige Album „Triebwerke“ verkauft sich mehr als 200 000 Mal, dafür gab es eine Platin-Schallplatte. Auch sein neues Album „Schlaftabletten, Rotwein Teil V“ landet auf Platz eins der Charts.

Musikalisch hat sich kaum etwas verändert: Zu poppigem Sound, eingängigen Melodien und Gitarrengeklimper rappt und singt Alliga­toah sarkastisch bis zynisch über Konsumwahn und die irrationale Angst vor Flüchtlingen.

Kommt aus Langen bei Cuxhaven: Alligatoah, mit bürgerlichem Namen Lukas Strobel.

Kommt aus Langen bei Cuxhaven: Alligatoah, mit bürgerlichem Namen Lukas Strobel. Foto: Norman Z.

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