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Studenten-Klischees: Wahr oder nicht?

Studenten-Klischees: Wahr oder nicht?

Jurastudenten sind Klugscheißer, wer Soziologie studiert, endet bald als Taxifahrer, und Mathematiker sind Nerds.
Jeder kennt Uni-Klischees. Doch was ist dran an den Vorurteilen? Drei Studis erzählen, was nervt und was stimmt.

Juristen: Die Paragrafenreiter

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Eigentlich sind Klassentreffen etwas Schönes. Es gibt leckeres Essen, man unterhält sich und lacht über alte Geschichten. Doch spätestens, wenn ich gefragt werde, was ich denn beruflich mache, möchte ich verschwinden – immerhin muss ich mit „Ich studiere Jura“ antworten. Es ist nicht so, dass ich mich schäme, Jura zu studieren. Aber die Reaktion darauf geht mir auf die Nerven. Mit einer Mischung aus Mitleid und Verblüffung werde ich angestarrt: „Echt?!“ In diesem einen, kurzen Wort schwingen alle Vorurteile mit, die es gegen Juristen gibt. Jurastudenten müssten ja nicht denken, sondern nur auswendig lernen, heißt es. Das ist falsch. So falsch, dass ich jedes Mal, wenn mich Leute mitleidig fragen, wie weit ich mit dem Auswendiglernen sei, ihnen das BGB um die Ohren hauen will. Das habe ich – um eines der gängigen Vorurteile zu bestätigen – immer dabei. Und zwar, weil ich die Gesetze eben nicht auswendig können muss. In der Rechtswissenschaft geht es darum, zu verstehen, wie ein Gesetz ausgelegt werden kann. Deswegen müssen sich Juristen auch sehr gut mit Sprache und Argumentationen auskennen. Woher vielleicht auch das Vorurteil „Juristen sind Klugscheißer“ kommt. Das kann ich leider nicht ganz abstreiten. Denn es gibt sie unter uns – wie in jedem anderen Fach auch. Erkennbar sind sie an den häufig benutzten Floskeln „Das ist streitig“ oder „Das kommt darauf an“. Darauf folgt dann ein so langer Vortrag, dass man auf Toilette gehen könnte. Verpassen würde man da auch nichts: Meistens steckt nichts dahinter.

Die Verblüffung darüber, dass ich Jura studiere, kommt aber wohl woanders her: Ich sehe nicht danach aus. Die Uniform der Juristin besteht angeblich aus Perlenohrringen, Polohemden mit kleinen Krokodilen und dem Burberry-Schal – meine eben nicht. Tatsächlich tragen einige diesen Look. Aber eben nicht jeder angehende Jurist.

Dass wir Juristen den ganzen Tag in der Bibliothek hinter riesigen Bücherstapeln sitzen und pauken, stimmt auch nur bedingt. Viele sind wie ich und lernen nur in den Prüfungsphasen – dann aber von morgens bis abends. Denn das Studium ist hart und anstrengend, die Klausuren sind schwer und werden streng bewertet. Die höchste Punktzahl wird nur alle paar Jahre vergeben – ich selbst habe es noch nie erlebt. Schon mit einem zweistelligen Ergebnis bist du für kurze Zeit der King des Campus. Und da ist es egal, ob du Perlenohrringe und Mini-Tasche trägst.


 Aufgezeichnet von Sarah Seitz

Soziologen: Die Gutmenschen

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Hanf ist für uns Soziologen die Lösung für absolut alles. Das glauben zumindest unsere Freunde. Und irgendwie haben sie ja recht. Wieso muss alles aus Leder sein, wenn Hanffasern es genauso tun? Das gilt auch für Schuhe. Wobei, die tragen wir Soziologen angeblich sowieso nicht. Wenn wir barfuß über den Campus laufen, verdrehen die Wirtschaftswissenschaftler nur die Augen. Und wenn wir dann auch noch erklären, dass nicht nur unser Essen, sondern auch unsere Kleidung fair trade und vegan sein soll, kriegen die Landwirte sich gar nicht mehr ein vor Lachen. Für die sind wir Soziologie-Student_innen ja eh alle Hippies.

„Student_innen“ – die Germanisten jaulen bei dieser unschönen Schreibweise auf. Wir Soziologen hingegen verwenden immer politisch korrekte Formulierungen. Zumindest hoffen das unsere Eltern, wenn sie uns danach fragen. Deshalb sagen wir Gutmenschen jetzt auch alle „Professx“. „Indianer“ hingegen sagt man nicht mehr. Das ist ein imperialistischer Ausdruck der herrschenden Klasse.

Apropos herrschende Klasse: Natürlich haben wir alle „Das Kapital“ von Karl Marx gelesen – und uns deshalb einen Vollbart wachsen lassen. Dafür haben wir im ersten Semester zwar keine einzige Vorlesung besucht. Aber was ist schon ein Semester, wenn wir eh 13 brauchen, um einen Abschluss zu bekommen?

Wenn wir uns um zwölf Uhr dann doch mal aus dem Bett und in den Hörsaal quälen, können wir unseren Kommilitonen aus den Rechtswissenschaften mal beweisen, was für schlaue Füchse wir sind. Dann kritisieren wir den Professor und schwadronieren über Dialektik und Diskurstheorie. Dass wir damit am Ende alle kein Geld verdienen, werden die Juristen nicht müde, uns zu erzählen. Die Frage nach dem Taxischein haben wir – wie all diese anderen Vorurteile – schon hundertmal gehört.

Im Gegensatz zu diesem Schwall aus Vorurteilen finden viele von uns Schuhe und Taschen aus Leder cool. Und zwischen Statistik und Organisationssoziologie stärken wir Soziologen uns auch mal mit einem Döner. Gendern erweist sich als praktisch, wenn man die Seiten der Hausarbeit füllen muss. Und Marx steht zwar bei einigen von uns im Bücherregal, komplett gelesen hat ihn aber kaum einer. Auch unsere Jobchancen sollen nicht ganz so schlecht sein: Auf 1500 arbeitslose Soziologen kommen immerhin 64 000 mit Job. Die meisten davon arbeiten in Lehre und Forschung. Aber mit dem richtigen Zweitfach sind Soziologen echte Alleskönner. Zur Not gehen wir eben in den Bundestag. Dann ohne Vollbart – aber mit Hemd und Krawatte.

 Von Niklas Kleinwächter

Mathematiker: Alles Freaks!

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Ich bin ein Freak. Immerhin habe ich mich mal dazu entschieden, Mathematik und Physik zu studieren. Dass man dafür nicht ganz normal sein kann, bekomme ich seitdem regelmäßig zu hören. Schließlich waren schon in der Schule die Leute, die sich für so etwas interessiert haben, irgendwie komisch. Senkrechtmelder aus der ersten Reihe mit runden Brillen statt Freunden. So war ich aber nie. Zugegeben: Auch ich habe mich von diesem Vorurteil anstecken lassen und genau solche Menschen im Studium erwartet.

Ein bisschen hatte ich damit auch recht: Es gibt tatsächlich Studenten unter uns, die während der Vorlesung noch Rubix-Würfel lösen oder T-Shirts mit aufgedruckten Formeln tragen und das auch noch lustig finden. Doch das sind längst nicht alle – aber meistens die, die am besten mit dem schwierigen Stoff klarkommen. Während wir anderen uns stundenlang die Köpfe für einen guten Ansatz zu einer gestellten Aufgabe zerbrechen, haben sie schon längst einen Lösungsweg gefunden – und suchen noch weitere Beweise für ihn. Sie sind quasi die Freaks unter den Freaks.

Allerdings haben die anderen Leute wahrscheinlich recht: Ganz normal kann auch ich nicht sein, wenn ich meinen Freunden – ja, ich habe Freunde! – am Wochenende absage und mich stattdessen mit der Theorie von Gruppen, Ringen und Körpern beschäftige. Das mache ich nicht, weil ich mich im Gegensatz zu einem typischen Vorurteil ungern unter andere Menschen begebe. Das muss sein, wenn ich das Studium schaffen möchte. Schließlich müssen wir jede Woche einen Übungszettel lösen. Da muss mindestens die Hälfte richtig sein, damit wir am Ende unsere Studienleistung bekommen.

Doch genauso wenig, wie Menschen außerhalb unseres Mathematik-Kosmos Verständnis dafür haben, sich freiwillig mit Differenzialgleichungen zu beschäftigen, können sie auch schwer unsere Freude verstehen, wenn am Ende doch alles aufgeht und die Lösung bewiesen ist. Denn im Gegensatz zu Mathe in der Schule geht es im Studium nicht mehr darum, immer wieder gleiche Aufgaben durchzurechnen, sondern die vorhandenen Aussagen logisch zu kombinieren und damit Neues zu finden. Ein bisschen wie in anderen Studiengängen auch. Vielleicht sind ja doch alle Studenten kleine Freaks – nur in unterschiedlichen Gebieten.

Von Theresa Kruse

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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