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Warum eine Fernbeziehung kein Todesurteil für die Liebe ist

Warum eine Fernbeziehung kein Todesurteil für die Liebe ist

Das hält doch niemals: Liebe auf Distanz wird oftmals mit dem Todesurteil einer Beziehung gleichgesetzt. ZiSH-Autorin Anna sieht das anders.


Ich packe den letzten Umzugskarton und schleppe ihn ins Auto meiner Eltern. Mit dem Zufallen der Kofferraumklappe endet auch meine Zeit im Elternhaus. Die Wahl meines Studienortes ist auf Göttingen gefallen – damit trennen mich ab sofort 200 Kilometer von meinem Freund.

Klar habe ich mir Sorgen darüber gemacht, ob unsere Beziehung der Distanz standhält. Sich nur zweimal im Monat für ein Wochenende zu sehen ist eine Herausforderung. Vorher sind wir auf die gleiche Schule gegangen und haben uns fast jeden Tag gesehen. Dann zog ich um. Fünf Jahre ist das jetzt her. Und gerade am Anfang war das ständige Abschiednehmen am Sonntagnachmittag schwer. Unzählige Tränen sind geflossen und ich habe meine Entscheidung wegzuziehen bei jedem Abschied verflucht.

Aber mit der Zeit haben wir gelernt, damit umzugehen. Wir sind wahre Planungsgenies geworden. Denn wenn es etwas gibt, das in einer Fernbeziehung wichtig ist, dann ist das Zeitmanagement. Anfangs gab es oft Streit, weil einer von uns sein Wochenende schon verplant hatte und wir uns so nicht treffen konnten. Irgendwann haben wir uns einen gemeinsamen Kalender auf dem Handy eingerichtet. So konnten wir beide alle Termine sehen und es kam seltener zu Streitereien.

Jeder Zehnte liebt auf Distanz

Um gewöhnliche Beziehungsstreitigkeiten kamen wir aber dennoch nicht immer herum. Früher dachte ich, dass ich damit die wertvolle gemeinsame Zeit kaputt mache, und habe Probleme lieber in mich reingefressen. Hilfreich war das aber nicht. Irgendwann haben wir eingesehen, dass in einer Fernbeziehung das altbekannte Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ absolut nicht gilt. Wer nicht redet, sei es über Probleme oder über das, was er den Tag über erlebt hat, lässt den anderen nicht an seinem Leben teilhaben.

Laut einer Studie von „Glamour“ und der Schnäppchenseite deals.com führt etwa jeder zehnte Deutsche eine Fernbeziehung, der Großteil von ihnen innerhalb Deutschlands. Trotzdem ist die durchschnittliche Distanz zwischen den Paaren mit 650 Kilometern relativ groß. Schnell zum Hörer zu greifen, eine Nachricht zu schicken oder per Skype oder Facetime zu chatten kann hilfreich sein, die Distanz erträglich zu machen. Dennoch musste ich lernen, dass man auch in einer Fernbeziehung nicht immer erreichbar sein kann. Nur, weil man mal ein paar Stunden keine Antwort bekommt, heißt das nicht gleich, dass der Partner einen vergessen hat.

Gemeinsame Routine schaffen

Wegen der An- und Abreise bleiben in einem Monat nicht viel mehr als zwei Tage, um uns zu sehen. 48 Stunden – viel Zeit für Zweisamkeit ist das nicht. Für meinen Freund und mich war deshalb wichtig, auch in dieser kurzen Zeit eine gemeinsame Routine zu entwickeln. Nur so konnten wir uns einen gemeinsamen Alltag schaffen. Denn genau das sehen laut einer Studie von farlove.de 61 Prozent der Menschen in Fernbeziehungen als größte Herausforderung. Freitags gemeinsam einzukaufen und sonnabendmorgens zusammen zu frühstücken – uns haben routinierte Unternehmungen geholfen, sich beim Besuch des anderen nicht wie ein Gast zu fühlen. Dabei hilft auch, Dinge wie Zahnbürste oder Deo beim Partner zu deponieren. So wird man das Gefühl los, als würde man zu einer einwöchigen Urlaubsreise aufbrechen, wenn man fürs Wochenende packt.

Nach einem anstrengenden Tag

mit dem Partner auf dem Sofa zu kuscheln oder gemeinsam mit Freunden auszugehen – in einer Fernbeziehung sind das seltene Ausnahmen. Den Freund zu vermissen nervt. Und auch das ewige Stehen am Bahnhof, auf den Zug zu warten und dann zum gefühlt hundertsten Mal die gleiche Strecke zu fahren, kann ganz schön ermüdend sein.

Mir hat die Aussicht, dass auch eine Fernbeziehung irgendwann endet und man zusammenziehen kann, geholfen. Nach fünf Jahren Fernbeziehung packe ich bald wieder meine Klamotten in Kartons: für den Umzug in unsere erste gemeinsame Wohnung. Von Anna Beckmann


Fernbeziehungen in Zahlen

Dass Paare in Fernbeziehungen seltener Sex haben, stört Frauen häufiger als Männer. Einer Umfrage der Plattform deals.com und „Glamour“ zufolge stellt der seltene Körperkontakt für 53 Prozent der Frauen ein sehr ernstes Problem dar, bei den Männern betrachten das nur 43 Prozent als Störfaktor.

Rund 2600 Euro geben Paare in Fernbeziehungen laut deals.com-Umfrage jährlich aus, um einander nahe zu sein. Neben Sprit, Bahn- oder Flugtickets spielt dabei auch die höhere Handy-Rechnung eine Rolle.

40 Prozent aller Fernbeziehungen gehen in die Brüche, das hat der US-Psychologe Gregory Guldner („Long Distance Relationships“) ermittelt. Dafür begleitete er rund 200 unverheiratete Paare. Tröstlich: Bei Paaren, die dicht beisammen wohnen, ist die Quote identisch.

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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