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Der NC ist zu hoch? Dann studier’ ich erst mal was anderes …

Der NC ist zu hoch? Dann studier’ ich erst mal was anderes …

Wenn es mit dem Wunschstudiengang nicht klappt, wissen viele Studis nicht, wie es weitergehen soll. So ging es auch Aylin. 
Also begann die 22-Jährige, ihr Hassfach Mathe zu studieren. Nach einem schweren Start schreibt sie dort nun ihre Bachelorarbeit.

Wann immer Mathematik auf Aylins Stundenplan stand, stöhnte sie innerlich auf. Wie für viele Schüler gehörten Algebra und Arithmetik nicht gerade zu ihren liebsten Themen. Dann doch lieber Goethe-Texte in Deutsch interpretieren. Nach dem Abi wollte Aylin Kurowski also Deutsch und Politik studieren – das war der Plan. Geklappt hat das aber nicht. Obwohl ihr Mathe in der Schule nie Spaß gemacht hat, studiert Aylin nun ihr einstiges Hassfach auf Gymnasiallehramt. Gerade sitzt die 22-Jährige an ihrer Bachelorarbeit. Das Thema: „Symmetrie im Geometrie-Unterricht“.

Dass sie Lehrerin werden will, weiß Aylin seit der 10. Klasse: „Ich orientierte mich an meinen ehemaligen Lehrern und dachte mir: Irgendwann möchte ich es besser machen.“ Ihren Abschluss hat sie zwar bestanden – „ein Überflieger-Abi war es aber nicht“, sagt sie. Trotzdem bewarb sie sich für beide Fächer an der Leibniz Universität in Hannover. Einige Wochen später kam die Antwort: Für Politik bekam Aylin eine Zusage. Für Deutsch eine Absage. Der Numerus clausus, also die Zulassungsbeschränkung, die sich auf die Abitur-Note bezieht, lag für Deutsch an der Leibniz-Uni in diesem Jahr bei 2,1. So gut war Aylins Abi-Note jedoch nicht. Damit ging es ihr wie vielen anderen Studieninteressierten jedes Jahr.

Alternativen, um doch noch das begehrte Fach studieren zu können, gibt es viele: Studienplätze, die nicht besetzt wurden, werden zum Beispiel in Nachrückverfahren vergeben. Wenn dann noch Plätze frei sind, gibt es Losverfahren, bei denen die Abi-Note keine Rolle mehr spielt. Andere versuchen es über den juristischen Weg mit einer Studienplatzklage. Und wieder andere üben sich in Geduld und sammeln so Wartesemester an, die sie sich später anrechnen lassen können, um auf diesem Wege einen Studienplatz zu erhalten. In Aylins Fall machte die Uni ihr ein Angebot: Wenn sie möchte, könne sie sich für Mathematik immatrikulieren, um dann Politik und Mathe auf Lehramt zu studieren. Denn beim Zwei-Fach-Bachelor, den Aylin studieren wollte, ist es nicht möglich, nur ein Fach zu belegen.

Obwohl ihr die Entscheidung nicht leichtfiel, entschied sie sich dafür, das Angebot anzunehmen. „Bevor ich komplett planlos dastehe, wollte ich einfach erst einmal Mathe und Politik beginnen“, sagt sie. Damals hoffte sie noch, durch das Losverfahren doch noch von Mathe zu Deutsch wechseln zu können. Als das nicht klappte, biss Aylin die Zähne zusammen und begann ein Fach zu studieren, dass sie in der Schule soweit es ging gemieden hatte.

Dass sich Studenten für ein Alibi-Fach einschreiben, um das andere studieren zu können, kommt vor. Dass sie dann aber auch zu Veranstaltungen des ungeliebten Studiengangs gehen, ist wohl eher selten. Schließlich geht es eigentlich nur darum, die Zeit bis zum Fachwechsel zu überbrücken. Aylin machte es anders: „Zu den Veranstaltungen bin ich von Anfang an regelmäßig gegangen. Denn ich wusste, dass ich mir nicht sicher sein kann, ob ich noch zu Deutsch wechseln kann“, sagt sie. Und das Mathematik-Studium lief anfangs nicht gut. Aylin bestand viele Klausuren nicht. Kommilitonen, denen sie erzählte, dass sie ursprünglich Deutsch studieren wollte, sagten ihr direkt: „Dann schaffst du das ja eh nicht.“ Schließlich sind Mathe und Naturwissenschaften mit 39 Prozent Spitzenreiter in Sachen Abbrecherquote, wie das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung 2014 ermittelt hat – direkt gefolgt von den Ingenieurswissenschaften mit 36 Prozent.

Ein Prof sagt ihr: „Ich wusste doch, dass hübsche Mädchen nicht Mathe studieren können.“

Ihre Dozenten machen Aylin auch nicht gerade Mut: Als sie in einer Vorlesung mal eine Aufgabe falsch löst, sagte der Prof: „Ich wusste doch, dass hübsche Mädchen nicht Mathe studieren können.“ Ihre Kommilitonen lachten, und auch Aylin lachte erst mit. Aber trotzdem hatte sie ein komisches Gefühl dabei. Aber aufgeben kam für sie nicht infrage. Laut der Studie der DZHW nennen 20 Prozent der Studenten Leistungsprobleme. Mangelnde Studienmotivation gehört mit 18 Prozent auf Platz 3 der Abbruchmotive. Nach dem zweiten Semester versuchte sie noch mal über das Losverfahren einen Platz im begehrten Germanistik-Studiengang zu bekommen. „Die Chancen, in einem zulassungsbeschränkten Studiengang einen Platz zu bekommen, haben nichts damit zu tun, ob man bereits eingeschrieben ist“, sagt Uni-Pressesprecherin Mechthild von Münchhausen. „Die Auswahl erfolgt immer nach Note, Eignungskriterien und Wartezeit.“

Auch Aylins Bewerbung blieb ohne Erfolg. Ihre Frustration darüber hielt sich aber in Grenzen: „Ich fand das eigentlich gar nicht mehr so schlimm“, sagt sie. Denn langsam zahlten sich ihre Bemühungen aus. Nachdem die ersten beiden Semester mit durchgefallenen Klausuren und Zweifeln endeten, geht es ab dem dritten Semester plötzlich aufwärts. „Ich habe gemerkt, dass es funktionieren kann, wenn ich mir große Mühe gebe und viel Zeit investiere“, sagt die Studentin. Auch Nachhilfeunterricht habe ihr geholfen. Zusätzlich motiviert sie die Erkenntnis, dass sie als Mathe-Lehrerin viel bessere Chancen auf einen Job hat. Mathe gilt im Gegenteil zu Deutsch als Mangelfach – es gibt zu wenig Lehrer, die Mathe unterrichten können.
„Mittlerweile macht mir Mathe wirklich Spaß. Auch wenn ich die Leute immer noch verstehe, die das nicht nachvollziehen können“, sagt sie. Besonders wenn sich die Bemühungen durch gute Noten auszahlen, ist sie stolz. Denn sie weiß, dass sie diese Erfolge dem eigenen Fleiß zu verdanken hat.

Einige ihrer Kommilitonen, die ihr ein Scheitern prophezeiten, hat sie mittlerweile überholt: Während einige noch Klausuren schreiben, sitzt sie an ihrer Bachelorarbeit. Auf einer Wellenlänge mit den meisten Mathematik-Studenten fühlt sie sich nicht: „Viele sind sehr introvertiert“, sagt Aylin. Mit ihrer stylischen Jacke und dem Nasenpiercing sieht sie nicht aus wie ein Klischee-Mathe-Student. Sie feiert gerne in Clubs, ihre Kommilitonen eher bei uniinternen Partys. Auch wenn sich Aylin mittlerweile mit ihrem Studiengang arrangiert hat, im Mathe-Vorlesungssaal fühlt sie sich manchmal noch immer fehl am Platz. Aber das Durchhalten dürfte sich lohnen – auch für die Schüler: Eine Mathe-Lehrerin, die nachvollziehen kann, dass Mathe nicht jedem Spaß macht, ist ein Gewinn.

Wentje Lübbing

Über den Autor

ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der gedruckten HAZ. Hier im Blog schreiben vor allem Nachwuchsautoren unter dem Namen ZiSH.

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